Andreas de Bruin
Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext
10 Jahre Münchner Modell

»Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. 10 Jahre Münchner Modell« beschreibt die Entwicklung der ersten zehn Jahre des Münchner Modells: von den ersten Anfängen mit 15 meditierenden Studierenden in einer kühlen Turnhalle bis hin zu einem umfangreichen Programmangebot an verschiedenen Münchner Hochschulstandorten, wo pro Semester 150 Studierende aus 24 Studiengängen an Achtsamkeits- und Meditationslehrveranstaltungen teilnehmen.«

Andreas de Bruin

»Ob das Lehrangebot bei den Studierenden wohl Anklang finden wird?« Das fragte ich mich mit Interesse und Neugierde, als ich für das Sommersemester 2010 die Lehrveranstaltung »Meditation« im Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule München in das Curriculum aufnahm. Mein wichtigster Beweggrund bei der Implementierung des Angebots war, Studierenden eine Möglichkeit zu bieten, mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen und dadurch auch stärker mit ihrer ureigenen Inspirationsquelle und Kreativität. Ich selbst habe durch meine persönliche Meditationspraxis vor allem innere Ruhe erfahren und eine Fokussierung auf die Dinge, die ich tue. Auch hat sie mir geholfen, meinen Lebensweg zu finden und die dafür benötigte Kraft und Energie aufzubringen. Einen solchen inneren Kompass den Studierenden zu vermitteln, war meiner Meinung nach wichtig und sinnvoll. Zudem war es interessant, im Unterricht den Stand der Achtsamkeits- und Meditationsforschung zu beleuchten, da inzwischen viele positive Effekte, beispielsweise auf die Psychohygiene, die Aufmerksamkeit und Konzentration sowie die Emotionsregulierung, durch internationale Studien wissenschaftlich belegt werden konnten. Und nicht zuletzt ging es mir auch darum, im Rahmen der Veranstaltung aufzuzeigen, wie Achtsamkeit und Meditation in den späteren Berufsfeldern der Studierenden Eingang finden können. Als damaliger Prodekan der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften war ich verantwortlich für die Planung von jährlich 35 Lehrveranstaltungen im Bereich Ästhetische Medien und hatte somit eine gute Ausgangslage, dem Vorhaben eine Chance zu geben. Wenn nur wenige Studierende das Angebot wahrnehmen würden, müsste es schlimmstenfalls abgesagt werden und würde es vorerst keinen weiteren Bestand im Lehrplan haben. Doch es kam anders: Die Bewerberzahl war enorm; auf die 15 zur Verfügung stehenden Plätze kamen 65 Bewerberinnen und Bewerber!

Aufgrund der starken Nachfrage habe ich das Lehrangebot in den folgenden Semestern kontinuierlich erweitert. Neben dem Angebot an der Hochschule München konnten auch Lehrveranstaltungen und Fortbildungsworkshops an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München implementiert werden. Zahlreiche Fakultäten und Studiengänge sind inzwischen im Münchner Modell vertreten, und das Interesse der Studierenden ist nach wie vor immens. Das drückt sich insbesondere auch an der Fakultät Studium Generale und Interdisziplinäre Studien im Schwerpunktbereich »Personenbezogene Kompetenz« aus. Für die hier angesiedelte Lehrveranstaltung »Stressmanagement und Meditation« bewerben sich auf die 15 zur Verfügung stehenden Plätze pro Semester an die 700 Studierenden!

Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. 10 Jahre Münchner Modell beschreibt die Entwicklung der ersten zehn Jahre des Münchner Modells: von den ersten Anfängen mit 15 meditierenden Studierenden in einer kühlen Turnhalle bis hin zu einem umfangreichen Programmangebot an verschiedenen Münchner Hochschulstandorten, wo pro Semester 150 Studierende aus 24 Studiengängen an Achtsamkeits- und Meditationslehrveranstaltungen teilnehmen. Darüber hinaus haben sich innerhalb des Münchner Modells im Laufe der Zeit auch Zusatzangebote für (ehemalige) Studierende, Lehrpersonal und Hochschulangestellte entwickelt. Detailliert beleuchtet werden die Implementierung, die Struktur und die vermittelten Lehrinhalte samt Übungsanleitungen. Vertieft werden dabei auch Kompetenzerwerbe sowie Bewertungs- und Leistungsnachweiskriterien, die vor allem für die regulären Lehrveranstaltungen bedeutend sind.

Am Anfang des Buches wird ausführlich begründet, warum Achtsamkeits- und Meditationspraktiken einen Eingang in den Bildungsdiskurs gefunden haben. Zudem wird in diesem Zusammenhang auf einen möglichen bevorstehenden Paradigmenwechsel an Hochschulen und im Bildungssystem generell hingewiesen.
Wichtige Abschnitte bilden nicht zuletzt auch die Zusammenfassung über den aktuellen Stand der Achtsamkeits- und Meditationsforschung sowie eine Übersicht von möglichen Risiken, die bei nicht korrekter Anwendung von Achtsamkeits- und Meditationsübungen sowie im Zusammenhang mit einer problematischen psychischen Disposition auftreten können. Insgesamt wird ein in der Praxis erprobtes und erfolgreiches Modell vorgestellt, das beispielhaft zeigt, wie die Implementierung von Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext gelingen kann.

Was macht dieses Buch aus meiner Sicht besonders empfehlenswert? Da gibt es einiges, was man anführen könnte. Zum einen sind es die Studierenden selbst, die zu Wort kommen. Zahlreiche, für diese Publikation ausgesuchte Meditationstagebuchnotizen bringen die Erfahrungen der Studierenden zum Ausdruck, die bislang an den Lehrveranstaltungen zum Thema »Achtsamkeit und Meditation« teilgenommen haben. So sind die Beschreibungen der jeweiligen Übungen auch immer mit den ganz authentischen Praxiserfahrungen der Studierenden versehen. Auch finden sich im Buch Tagebuchnotizen über die Auswirkungen von Achtsamkeit und Meditation auf das Lernen und Absolvieren von Prüfungen sowie ausführliche Gesamtreflexionen darüber, welchen Stellenwert die Lehrveranstaltungen bezüglich der individuellen Entwicklung der Studierenden eingenommen haben.

Zum anderen werden die Begriffe Achtsamkeit, Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation, Metta-Meditation klar differenziert und verständlich in Beziehung zueinander gesetzt. Deutlich wird, dass Achtsamkeit weitaus mehr ist, als nur im Moment präsent zu sein. Und auch der Begriff Meditation an sich wird genauer betrachtet. Meditation kann sich auf mentale, emotionale oder körperliche Prozesse und die gegenseitige Beeinflussung richten, um hier so mehr Einsicht zu erlangen, sie kann aber genauso gut die vollständige innere Stille und die damit einhergehende Verbindung zum eigenen inneren Kern zum Ziel haben.

Das Buch plädiert für eine Berücksichtigung und Anerkennung dieses inneren Kerns, der in der Literatur vielfach auch Seele oder Selbst genannt wird, im Bildungskontext. Wie die Achtsamkeits- und Meditationspraxis dabei helfen, dass wir uns wieder mit diesem inneren Kern verbinden lernen, wird ebenfalls in dem Buch beleuchtet.

Dabei wären wir dann schon beim nächsten interessanten Aspekt des Buches: Es betont die notwendige Förderung der Intuition – als erweiterter Zugang zum Wissenserwerb – an Hochschulen. Diskutiert wird, dass an den Hochschulen, unseren Bildungsstätten des Denkens, bislang fast ausschließlich der Intellekt gefördert wird, während der Intuition, wenn überhaupt, nur wenig Raum zugestanden wird. Dass die Intuition auf eine völlig andere Weise, auf Basis einer tiefen Innenschau, funktioniert und Achtsamkeit und Meditation hier einen wichtigen Beitrag leisten können, wird in dem Buch adäquat begründet.

Nennenswert ist auch, dass das Buch Unterweisungen von zahlreichen spirituellen Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Kulturen beleuchtet. Große frühere Persönlichkeiten wie Krishnamurti, Ramana Maharshi, Muktananda, Sri Chinmoy, Nisargadatta, John Main, Willigis Jäger sind einige davon. Aber ebenso aktuell lebende Personen, die mit ihren Ideen, Sichtweisen und weisen Worten einen deutlichen Einfluss in unserer Gesellschaft haben, wie der 14. Dalai Lama, Jon Kabat-Zinn, Thich Nhat Hanh, Jack Kornfield, Mutter Meera, Gurumayi Chidvilasananda und David Steindl-Rast, um nur einige zu nennen.

Und nicht zuletzt ist das Buch kein gewöhnliches Buch. Neben den Tagebuchnotizen sind auch zahlreiche Fotos und Zeichnungen sowie Ideenskizzen abgebildet, die in den ersten zehn Jahren des Münchner Modells entstanden sind. Diese Vielfalt macht das Buch sehr lebendig.

Rückblickend auf die ersten zehn Jahre des Münchner Modells kann ich sagen, dass wirklich etwas Schönes und sehr Wertvolles entstanden ist. Zu wissen, dass durch dieses Buch all die bisherigen Erfahrungen nun auch mit vielen weiteren Interessierten geteilt werden können, bereitet mir eine große Freude. Dies gilt aber selbstverständlich auch für die Studierenden, die genau aus diesem Grund Auszüge aus ihren sehr persönlichen Meditationstagebüchern zur Verfügung gestellt haben. Es war ihnen ein Anliegen, dass Achtsamkeits- und Meditationsangebote im Hochschulkontext mehr Verbreitung finden, sodass auch Studierende an anderen Hochschulen diese Angebote wahrnehmen können. Dazu möchte das vorliegende Buch beitragen.