Stephan Lessenich

Stephan Lessenich

geb. 1965, ist Professor für soziale Entwicklungen und Strukturen am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Soziologie sozialer Ungleichheit, Wohlfahrtsstaatstheorie, Kapitalismusanalyse und Gesellschaftstransformation sowie die Soziologie des Alter(n)s.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im Juli 2020 erschienen ist.


Die Analyse und Kritik der in der Regel als »Neoliberalismus« apostrophierten Gesellschaftsverfassung hat mittlerweile Generationen von Sozialwissenschaftler*innen beschäftigt. Bei allem Erkenntnisgewinn, den diese ebenso in- wie extensive Befassung mit der politökonomischen Signatur unserer Zeit erbracht hat, bleibt doch eine – und zwar die zentrale – Frage regelmäßig unbeantwortet: Was eigentlich ist das Geheimnis des »neoliberalen« Erfolgs?

Wo diese Frage überhaupt sozialwissenschaftlich verhandelt wird, da werden zur Erklärung für gewöhnlich – in Habermas‘scher Terminologie ausgedrückt – die Steuerungsmedien Macht und Geld in Anschlag gebracht. Entweder wird also argumentiert, dass es machtvolle Akteur*innen in Politik, Wirtschaft und Medien sind, die den Leuten die globalisierungsbedingte Alternativlosigkeit einer marktkonformen Gestaltung des Sozialen eingehämmert hätten, bis diese irgendwann selbst davon überzeugt gewesen seien. Eine andere Argumentationslinie hingegen verweist auf die materiellen Interessen wenn nicht der gesellschaftlichen Mehrheit, so doch einer starken Minderheit, nämlich des sogenannten »produktiven Kerns« der radikalisierten Marktgesellschaft, dessen Mitglieder sich durch den gesellschaftspolitischen Verweis auf individuelle Eigenverantwortung angesprochen fühlten und sich auch tatsächlich als Gewinner*innen des verschärften Leistungswettbewerbs begreifen könnten.

So plausibel beide Erklärungsangebote erscheinen mögen – neben Macht und Geld war noch ein drittes Steuerungsmedium im Spiel, und dies heißt überraschenderweise: Moral. Bei aller »sozialen Kälte« setzte die marktradikale Programmatik doch zugleich unverkennbar auf ihre – zugegeben ganz spezielle – »soziale Ader«, und eben diese steht für den diskreten Charme des »neoliberalen« Projekts. Ich habe dieses sozialmoralische Regime, das dem »neoliberalen« Gesellschaftsprojekt ein menschliches Antlitz zu verleihen scheint, vor nunmehr über einem Jahrzehnt als »neosozial« bezeichnet. Damit suchte ich den Umstand zu fassen, dass die »neoliberale« Feier der Eigenverantwortung immer auch mit dem moralischen Additiv der Sozialverantwortung versehen ist: Wer statt auf staatliche Unterstützung und öffentliche Versorgung zu setzen ganz allein und privat für sich selbst sorge, erweise damit auch eine Sorge um das gesellschaftliche Ganze; wer die eigene Lebensführung an marktökonomischen Imperativen ausrichte, leiste damit zugleich einen bedeutsamen Beitrag zur sozialmoralischen Integration des Gemeinwesens.

Eigenverantwortung in Sozialverantwortung: Auf einen kürzeren Nenner lässt sich wohl kaum bringen, was in der gegenwärtigen Krise gesellschaftlich angesagt und gesellschaftspolitisch gefragt ist. Alle sind aufgefordert, sich selbst zu steuern, zu zügeln, zu kontrollieren – im Sinne und Dienste des Gemeinwohls. Daheimbleiben, Abstand halten, Hände waschen, Mundschutz tragen, Kontakte minimieren – der gesamte pandemiebedingte Verhaltenskodex zielt zwar auch auf den Selbstschutz vor einer Infektion, in erster Linie aber auf den Schutz der Allgemeinheit vor den Infizierten. Das Wohl (und Wehe) der gesellschaftlichen Gemeinschaft ist in meine, deine, unser aller Hände gelegt. Wer gegen die Verhaltensnormen verstößt, mache sich daher schuldig, setze gar das Leben anderer aufs Spiel. Eine stärkere Moralisierung individuellen Wohl- und Fehlverhaltens als entlang der Achse von Leben und Sterben ist wohl kaum denkbar: Jede*r einzelne von uns habe es selbst in der Hand, ob er*sie gut oder böse, Held*in oder Schurk*in, Lebensschützer*in oder Todesengel ist.

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