Auszug aus dem Buch

Wie wir lesen – und mit welchen Folgen – diese Frage ist, seitdem das Lesen von Büchern nicht mehr nur wenigen Privilegierten vorbehalten war, immer wieder gestellt und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet worden. Was bedeutet Lesen für unsere Gefühlswelt? Wie beeinflusst es unser Verhalten, unsere Entscheidungen, unseren Blick auf die Welt? Verleitet es zu Realitätsferne, befördert es Illusionen? Sollte man es als Mittel der Manipulation verdammen und als Medium der Weltflucht fürchten? Handelt es sich um eine anachronistische Kulturtechnik oder ist es, im Gegenteil, unerlässliche Grundlage für Bildung, soziale Orientierung und gesellschaftlichen Erfolg auch im Zeitalter des digitalen Lesens?


Cathrin Klingsöhr-Leroy

Buch und Bild – Schrift und Zeichnung
Schreiben und Lesen in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird in Literatur und Philosophie die Bedeutung des Lesens für Bildung und Erkenntnisfähigkeit reflektiert. Ebenso präsent ist der Abgesang des Buches. Man verdammt es als Symbol bürgerlichen Müßiggangs oder betrauert den Verlust von Kultur schlechthin. Parallel zu diesem Diskurs finden Schriftzüge, Wörter oder Buchstaben Eingang in die bildende Kunst. Cathrin Klingsöhr-Leroy betrachtet Werke u.a. von Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Henri Michaux sowie Cy Twombly und Anselm Kiefer und stellt fest: Schrift ist hier nicht nur künstlerisches Element, sondern auch melancholische Erinnerung an ein vergangenes Zeitalter des Buches und der Literatur.

Zwar spielen diese Überlegungen für die bildende Kunst auf den ersten Blick keine große Rolle. Bei näherer Betrachtung sind und waren Lesen und Schreiben aber immer schon wichtige Themen für die europäische Malerei: als Bildtitel, Datierungen, Signaturen, den Heiligen wie Sprechblasen zugeordnete Banderolen, als Titel und Namen auf Porträts, als aufgeschlagene Buchseiten oder zur Entzifferung angebotene Dokumente – der Text ergänzte das Bild. Dieses Verhältnis verkehrt sich im 20. Jahrhundert: Der Text wird zum Bild – oder, um es mit Else Lasker-Schüler zu sagen: »Die Schrift ist ein Bild für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun.«

Die Bedeutung der Schrift für die Kunst des 20. Jahrhunderts reaktiviert einen Paragone-Gedanken, der über die Jahrhunderte in der Geschichte der europäischen Malerei immer wieder virulent war. Es ging um die Frage des Vorrangs von Farbe oder Zeichnung bei der Konzeption und der Rezeption eines Gemäldes. Alle Künstlerinnen und Künstler, die Schriftbilder schaffen, binden ihr Werk eindeutig an die Zeichnung oder vielmehr an die Linie, an das Gestaltungsmittel, das Schrift und Zeichnung verbindet. 

Der Faden, die Linie, die Spur auf dem Blatt oder auf der Leinwand laden die Betrachterinnen ein, ihr zu folgen, das Geschriebene zu entziffern, Fragmentarisches zu ergänzen. Sie durchläuft einen zeitlichen Prozess. Jede Linie sei die vergegenwärtigte Erfahrung ihrer eigenen Geschichte, so Cy Twombly. Indem der Maler der Linie zeichnend oder schreibend mit seiner Geste folgt und sie mit dieser Bewegung zugleich produziert, lässt er sich ebenso leiten, wie er einem subjektiven Gefühl Ausdruck verleiht. Auch an diesem Punkt verbinden sich Zeichnung, als spontaner Ausdruck eines inneren Bildes, und Schrift, als über die unwillkürliche Geste ausgedrückter Gedanke.

Das Verhältnis von Schrift und Bild, von Literatur und Malerei hat viele unterschiedliche Aspekte: Die parallele Gedankenwelt der Dichterinnen und Maler des Expressionismus, die Inspiration der Künstler durch Poesie und Literatur, die Darstellung Lesender und die damit zusammenhängende Vorstellung von der Innenwelt der Leserinnen und Leser, die Linie als Schrift und Zeichnung verbindendes Element. Diese Themen haben mich in verschiedenen Ausstellungen der vergangenen Jahre beschäftigt. Das Lesen im Bild ist weniger die Renaissance einer vergessenen Kunst als die melancholische Erinnerung an ihre Vergänglichkeit.