Frank Schulz-Nieswandt

Frank Schulz-Nieswandt

geb. 1958, Sozialwissenschaftler, ist Univ.-Professor für Sozialpolitik, qualitative Sozialforschung und Genossenschaftswesen an der Universität zu Köln sowie Honorarprofessor für Sozialökonomie der Pflege an der PTH Vallendar.

Darüber hinaus ist er der Vorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe (KDA).

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im Juli 2020 erschienen ist.


Ich fokussiere auf die Situation hochaltriger Menschen im Pflegeheim als ein Ort des Wohnens. Ich widme mich im Folgenden der Frage, was im Angesicht der Corona-Krise an und mit diesen Menschen geschieht.

Eigentlich sollen Heime Orte des normalen Wohnens sein. Normalität meint hier ein Verständnis von Wohnen als Ort des alltäglichen Lebens, das die moderne Gesellschaft in einem normativen Sinne für sich reklamiert. Diese Normalitätsvorstellung ist geprägt von der Haltung, die Merkmale dieses Lebens seien uns heilig: Gemeint ist die Würde der Person, definiert über die Dimensionen von Selbstbestimmung, Selbständigkeit und Teilhabe. Der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas spricht in diesem Sinne von der »Sakralität der Person«. Diese Auffassung ist grundrechtstheoretisch fundiert und mehrschichtig verankert im Völkerrecht, Europarecht, Verfassungsrecht, in Sozialgesetzbüchern und Bundeslandesgesetzgebungen.

Die Corona-Pandemie verweist uns nun auf soziale Praktiken zwischen Solidarität und Ausgrenzung. Die Sorge der Politik, die rechtlich der Gesellschaft verordnet wird, gilt explizit dem Schutz vor dem Tod vulnerabler Gruppen und hierbei insbesondere denen hohen Alters. Einerseits. Andererseits wird damit das hohe Alter in den Pflegeheimen zugleich verstärkt dem sozialen Tod infolge von sozialen Ausgrenzungen ausgesetzt. Das ist ein fundamentaler Zielkonflikt. Ist es ein tragisches Dilemma, also ausweglos?

Die alte Herausforderung

Die soziale Wirklichkeit, trotz der heute zu konstatierenden Differenzierung und Vielfalt der Lebenswelt »Heim«, sieht oftmals anders aus, als unsere Rechtswelt es vorsieht – eine Differenz, auf die sich bereits die lange Geschichte des Rückbaus »totaler Institutionen« (im Sinne der Soziologie von Erving Goffman) in kritischer Reflexion der Institutionalisierung und Hospitalisierung bis heute bezieht.

Auch ohne Corona ist die Atmosphäre von Heimen an dem Vorbild klinischer Hygieneordnungen von Akutkrankenhäusern orientiert. Diese hospitalisierenden Hygieneregime schreiben eine akutklinische Atmosphäre in die Altenpflegeheime ein und unterlaufen die Normalisierung des Lebens im Heim als Wohnort.

Was treibt diese Verfehlung der Normalität im Heimleben an? Ist es eine von den Affektordnungen der Angst und des Ekels geprägte Kultur des Umgangs mit dem hohen Alter? Wird das hohe Alter wahrgenommen als dem Tod geweihter Verfall von Geist und Körper? Geht es um Andersheit und Fremdheit? Um das Monströse? Geht es um Geruch? Um Hässlichkeit? Befremdet uns die an die übliche Sprache gebundene Unverstehbarkeit des Menschen mit Alzheimer-Demenz? Wird der alte Mensch vielleicht selbst als gefährlicher Keimträger stigmatisiert? In unserer Zivilisationsstufe hat sich auch schon längst und unabhängig von Corona im Umgang mit dem alten Menschen ein Muster sozialer Ausgrenzung herausgebildet, das, um an Michel Foucault anzuknüpfen, Altenheime an einem panoptischen Quarantänemodell orientiert. Nun kommt Corona als eine neue Stufe dieser alten Herausforderung ins Spiel.

Die Grundrechtsverletzungen der Heimbewohner*innen

Wenn der externe Mitmensch als Besucher aus dem Sozialraum (Familie, Partnerschaft, Freundschaft, Ehrenamt) zum gefährlichen Keimträger für die alten Menschen im Innenraum der Einrichtungen wird, so verändert sich die Haltung. Aus der Haltung (die nicht verschwindet, sondern die Form ändert) der Bedrohung durch das Unverstandene und Fremdartige des Alters erwächst nun der altruistische Paternalismus angesichts einer imaginierten Schutzbedürftigkeit von Schutzbefohlenen. Diese pauschale Stigmatisierung der Schutzbedürftigkeit der vulnerablen Gruppe der »Alten« kappt die gerade erst im langsamen und widerspruchsvollen Wachstum befindliche Sozialraumöffnung der Heime. Schutz und Sicherheit statt soziale Kontakte: Das Grundrecht des alten Menschen auf Selbstgefährdung als Ausdruck der Selbstbestimmung mit Blick auf das ebenso grundrechtlich kodifizierte Teilhaberecht wird massiv verletzt.

Die Vermeidung des biologischen Todes kippt um in die nochmals gesteigerten klinischen Hygieneregime, die die Normalität des Wohnens noch tiefer als ohnehin unterlaufen und innerhalb der Einrichtungen zu isolierender Ausgrenzung gegenüber den feindlichen Außenräumen führen. Die mitunter im Kult des Heroischen inszenierte Für-Sorge für den vulnerablen alten Menschen wird dergestalt teuer »erkauft« mit Praktiken des sozialen Todes des ausgegrenzten homo patiens.

Die akzeptable Beschränkung der Freiheit der Mehrheit

In leichter Form wird das Hygieneregime des Pflegeheims nunmehr in der Gesellschaft abgebildet: Die Menschen ziehen sich für Wochen in ihre private Häuslichkeit zurück. Das Pflegeheim wird zum Vorbild, die Gesellschaft zum Abbild.

Doch im Vergleich zum Heimleben handelt es sich nur in Spezialfällen bei der Mehrheitsbevölkerung in der Corona-Krise um eine totale Quarantäne. Spazierengehen, Joggen, Einkaufen, in Grenzen auch Berufstätigkeit ist möglich. Digitale Räume sind – anders als im Durchschnitt in Heimen – nutzbar. Im Fall von Corona fühlt sich die gesellschaftliche Mehrheit selbst gesundheitlich, ökonomisch mag dies anders liegen, nicht gravierend bedroht. Die Angst vor den Keimträgern hält sich bei der Mehrheit der Bürger*innen anscheinend in Grenzen. Vor diesem Hintergrund fällt der politisch abgeforderte solidarische Altruismus, die Risikogruppen zu schützen, relativ einfach. Offensichtlich funktioniert das auf Empathie basierende Sittengesetz von Kant – als generöser Solidarpaternalismus – recht gut. Dies würde jedoch sicherlich ganz anders aussehen, wenn es sich um Ebola oder um die Pest handeln würde.

Fazit

In der Corona-Krise wirken sich die ohnehin schon etablierten klinischen Hygieneregime nunmehr in eskalierender Form der Kasernierung aus: Die erst als zarte Pflänzchen beobachtbaren Öffnungen der Heime hin zum Sozialraum des Quartiers werden stillgelegt. Das Risikomanagement von Corona läuft hier nicht wie im Fall des normalen Alltags der nachbarschaftlich und infrastrukturell vernetzten privaten Häuslichkeiten und gemeinschaftlichen Formen privaten Wohnens ab. Als Frage rückt somit in das Zentrum der kritischen Diagnostik des Heimlebens: In welcher Lebensqualität würden die Menschen das Corona-Virus bewältigen oder auch am Virus sterben, wenn dies in lokalen Caring Communities statt in der Dichte des Heimwohnens geschehen würde? Und: Hat die Gesellschaft den expliziten oder mutmaßlichen Willen der Heimbewohner*innen befragt? Es liegt in der Logik rhetorischer Fragen, die Antwort gleich mit zu transportieren.

Es handelt sich also nicht um eine tragische Dilemma-Situation, in der es keinen Ausweg ohne Schuld gibt. Die Schuld der Gesellschaftspolitik – und damit aller Bürger*innen – liegt in der über lange Zeit nicht wirklich gewollten Transformation der Wohnformen im Alter als Normalisierung der Form des sozialen Daseins. Corona hat die Dichteform der Kasernierung der »Alten« nur noch in gesteigerter Form auf die Spitze getrieben.