Ingolfur Blühdorn

Ingolfur Blühdorn

geb. 1964, ist Professor für soziale Nachhaltigkeit und Leiter des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit (IGN) an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Soziologie, Gesellschaftstheorie, der Wandel moderner Demokratien und umweltpolitische Theorie.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im Juli 2020 erschienen ist.


Seit langem schon sind die wohlhabenden Konsumgesellschaften des globalen Nordens von einem Virus befallen, das vielleicht noch infektiöser ist als COVID-19 – und das ganz sicher sehr viel mehr Todesopfer fordert: das Virus der Nicht-Nachhaltigkeit. Auch bei diesem Virus sind in besonderem Maße gesellschaftliche Gruppen und ganze Bevölkerungen betroffen, die zwar absolut systemrelevant sind, deren Arbeit jedoch erbärmlich bezahlt und trotz ihrer Unverzichtbarkeit höchst wenig wertgeschätzt wird. Die Menschen, deren Wohlstand und Lebensstil sie sichern, haben sowohl gegen die sozialen als auch die ökologischen Konsequenzen des Virus der Nicht-Nachhaltigkeit eine beeindruckende Herdenimmunität aufgebaut. Sie haben sich einen wirksamen Schutzmantel geschaffen und verteidigen mit aller Entschiedenheit, was sie als ihre unverhandelbare Freiheit, ihre Werte und ihren Lebensstil sehen: koste es, was es wolle.

Das Corona-Virus hat diesen Schutzmantel aufgerissen. Der Notstand, der selbst die wohlhabendsten Länder grundlegend erschüttert, destabilisiert ihre etablierte Ordnung und stellt Vieles zur Diskussion, was bisher unantastbar schien. In der öffentlichen Berichterstattung schlägt sich das unter anderem in vielfältigen Hoffnungsnarrativen nieder, die da wieder ansetzen, wo das Feuilleton und aktivistische Nachhaltigkeitsforscher*innen aufgehört hatten, als sie die Erfolge von Greta Thunberg und »Fridays for Future« feierten. Viele wollen jetzt positiv sein, Mut machen, sich konstruktiv zeigen, praktikable Lösungen anbieten – und vor allem auf keinen Fall pessimistisch erscheinen. Sie sehen nun die Chance für eine große sozial-ökologische Transformation. Sie prophezeien, dass die jetzt als systemrelevant erkannten Berufe in Zukunft sehr viel mehr Wertschätzung erfahren würden. Von der Rückkehr der Gesellschaft jenseits von Differenzierung, Fragmentierung und Singularisierung ist die Rede. Die Rekonfiguration beschleunigter und sozial-ökologisch auszehrender Lebensweisen wird vorhergesehen. Der Abschied von Marktgesellschaft und Massenkonsum, die Überwindung gesellschaftlicher Spaltung und Polarisierung sowie die Rückbesinnung auf verschüttete Werte und Solidarität seien nun möglich.

Die Sehnsucht, dass all dies wahr werden möge, ist groß; die Bereitschaft, derartigen Prophezeiungen zu folgen, ebenfalls. Aber warum sollte die große Transformation gerade jetzt gelingen? Was ist mit Corona sichtbar geworden, das nicht auch vorher schon gründlich dokumentiert, erforscht und publiziert worden wäre? Der gegenwärtige Notstand exponiert, wie fest und notwendig die Freiheitsverständnisse, Selbstverwirklichungsformen und Lebensstile moderner Gesellschaften auf der Ausbeutung, Ungleichheit und Exklusion großer sozialer Gruppen beruhen. Wenn plötzlich von systemrelevanten Berufen die Rede ist, dann verschleiert diese Rhetorik, dass deren inakzeptablen Arbeitsbedingungen und der gesamte prekarisierte und flexibilisierte Niedriglohnsektor nicht zufällig und gleichsam aus Versehen entstanden sind. Sie sind vielmehr gezielt geschaffen worden, parallel zum systematischen Abbau wohlfahrtstaatlicher Sicherungen. Die vermeintliche Effizienz, Produktivität und Profitabilität des Systems ist genau hierauf aufgebaut und für das System und das gute Leben derer, die von ihm profitieren, konstitutiv: Ausbeutung, Ungleichheit und Exklusion sind nicht weniger systemrelevant als die Berufsgruppen, die jetzt so bezeichnet werden.

Der Corona-Notstand ist daher wohl weniger die Stunde der großen Transformation als die der symbolischen oder genauer simulativen Politik. In diese Kategorie fallen das Prädikat systemrelevant, der allabendliche Applaus für die Held*innen des Alltags, die einmalige Sonderzulage für bestimmte Berufsgruppen, die Handvoll Intensivbetten für Corona-Patient*innen  aus dem Ausland oder die Übernahme einiger Flüchtlingskinder aus dem überfüllten Lager auf Lesbos. Das ist nicht symbolische Politik im bekannten Sinne der strategischen Täuschung der Massen durch selbstinteressierte Eliten. Es ist simulative Politik, die auf kollektive Selbsttäuschung zielt. Sie macht bestimmte Selbstverständnisse und Wertorientierungen praktisch erlebbar, ohne dass dabei die gegenläufigen, aber auf keinen Fall zur Diskussion stehenden Präferenzen aufgegeben werden müssten. Für die Ordnung der Nicht-Nachhaltigkeit ist diese simulative Politik ebenso systemrelevant wie die jetzt in den Blick rückenden Held*innen des Alltags und deren systematische Unterbezahlung. Entsprechend ist zwar zu erwarten, dass der Notstand Maßnahmen wie etwa die Erhöhung der Mindestlöhne oder einen vorläufigen Stopp für den seit Jahren betriebenen Abbau angeblich überzähliger Krankenhausbetten nach sich ziehen wird. Maßnahmen, die tatsächlich die Logik der Nicht-Nachhaltigkeit suspendieren würden, sind aber sehr viel weniger wahrscheinlich.

Stattdessen werden große Rettungsschirme aufgespannt und riesige Sicherungspakete geschnürt. Sie sind dringend erforderlich, um den Menschen aus ihrer unmittelbaren Not und ökonomischen Verzweiflung zu helfen. Letztlich zielen diese Maßnahmen aber vor allem darauf ab, die bestehende Ordnung wieder zu stabilisieren – und die Repolitisierung der Grundprinzipien, auf denen sie beruht, unter Kontrolle zu halten. Sie werden von genau den politischen Eliten bereitgestellt, die zuvor die neoliberale Transformation und die Austeritätspolitik betrieben haben. Koste es, was es wolle, hatte bereits der damalige EZB-Chef Mario Draghi gesagt, als es darum ging, die Banken und den Euro zu retten. Genau das ist auch jetzt das ausdrückliche Leitprinzip. Es steht kaum für eine große Transformation, sondern lässt sich unschwer übersetzen in: Weiter so um jeden Preis!