Andrea Baier

Andrea Baier

ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der anstiftung in München.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind urbane Subsistenz und nachhaltige Regionalisierung.

Christa Müller

Christa Müller

(Dr. rer. soc.) ist Soziologin und leitet die anstiftung in München.

Sie forscht zu nachhaltigen Lebensstilen und neuen Wohlstandsmodellen.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im August im transcript Verlag erscheint.


Die lokal und global vernetzte Do-it-Yourself (DIY)-Community laborierte schon vor der Pandemie im experimentellen Modus der Problembewältigung. Insofern stellte sie sich schnell und souverän auf die ungewohnte Situation ein. In selbstorganisierten Labs beteiligt man sich jetzt mit offen zugänglichen und modifizierbaren Designs am multidisziplinären Großprojekt des »Kurveflachhaltens« und demonstriert, wie umsichtig Akteure aus der Zivilgesellschaft zu Lösungen beitragen – ohne Entlohnung und oft sogar unter Einsatz von eigenen Geldmitteln.

Der Verbund offener Werkstätten, ein Zusammenschluss von Fab Labs, Werkstatthäusern und Makerspaces, die bereits seit Jahren an und mit nicht-marktförmigen bzw. selbst herstellbaren Gütern und Hacks »für alle« arbeiten, dokumentiert auf seiner Website eine beeindruckende Liste von Open-Source-Hardware-Lösungen wie 3D-gedruckte Gesichtsvisiere und andere versorgungsrelevante Mangelprodukte für Kliniken und Arztpraxen.

Die in offenen Werkstätten, in Gemeinschaftsgärten und Reparatur-Initiativen aktive DIY-Kultur verbindet Selbstorganisation, Peer-to-Peer-Wissensaustausch und Selbstversorgung mit einer gesellschaftlichen Utopie. Erklärtermaßen wollen die Protagonisten* »die Welt reparieren«.

Sie experimentieren mit kleinteiligen Lösungen, z.B. für Nahrungsmittel- oder Energieproduktion, und proben das kollaborative Fabrizieren, Reparieren, Upcyclen. Sie holen die Produktion notwendiger Dinge in die Innenstädte zurück. Sie tauschen und teilen auf nichtkommerziellen Wegen. Ihre Praxen beruhen sowohl auf agrarkulturellen Interventionen als auch auf digitalen Hightech-Anwendungen oder auf der Wiederentdeckung des Handwerks, aber sie sind unterschiedslos als Commons organisiert.

Care-Aktivismus

Ihre Aktivitäten können mit einiger Berechtigung als »Care-Aktivismus« bezeichnet werden, auch wenn sie sich nicht darum sorgen, wie Care – Kochen, Putzen, Pflegen, Erziehen – kollektiv zu organisieren wäre, sondern sich ihre Sorge eher auf die »Natur«, die Nachbarschaft, die Stadtplanung bezieht.

In ihrem Handeln kommt deutlich die mit Care, mit Sorgearbeit, typischerweise verbundene Haltung zum Ausdruck. Auch für die DIY-Bewegung gilt, dass die Kollektivierung von Sorge nicht nur Notlösungen in der Krise bereitstellt, sondern sich auch, wie Mike Laufenberg eindrücklich am Beispiel der AIDS-Bewegung aufgezeigt hat, als »Transformationsmedium« erweisen kann.

Die Protagonisten* der DIY-Bewegung erheben dabei nicht den Anspruch, in autonomen Sphären unabhängig von Markt und Staat zu existieren. Sie betonen vielmehr, dass sie auf einen unterstützenden Rahmen angewiesen sind, um noch mehr Wirksamkeit zu entfalten, um gebrauchswertorientierte Produkte herzustellen und eine infrastrukturelle Umgebung aufzubauen, die der Daseinsvorsorge verschrieben ist.

Erweiterte Daseinsvorsorge

Um diese Initiativen und Interventionen zu unterstützen, bräuchte es Kommunen, die sich als Anwältinnen von (Sorge-)Arbeit und Engagement jenseits des Marktes verstehen und die die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren* viel stärker als bislang suchen. Hilfreich wäre die entschlossene Förderung von offenen Infrastrukturen des Selbermachens und kollektiven Lernens, um die nichtkommerzielle gesellschaftliche Produktivität zu unterstützen.

Zur Ausstattung könnten offene Eco Labs, Flächen für urbane Gemeinschaftsgärten, ökologische Experimentierräume für interkulturellen Wissenstausch oder kollaborative Nahrungsmittelproduktion gehören. Eine Infrastruktur, die eine Kommune deshalb zur Verfügung stellt, weil sie die komplexe Aufgabe des Klimawandels und der Renaturierung urbaner Lebensräume kooperativ und demokratisch anzugehen beabsichtigt.

Eine Erkenntnis aus der Beobachtung der DIY-Szene in der Corona-Krise lautet für uns: Zukünftige Politik müsste sich erheblich stärker öffnen für die Gestaltungskraft der miteinander vernetzten und bereitwillig die infizierte Welt »reparieren« wollenden Akteure und müsste ihnen mehr Möglichkeiten geben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, um gemeinsam mit anderen, als gemeinsame Plattform verschiedener sozialer Schichten und Gruppen, lokal produktive Lösungen zu finden.

Das wäre nicht nur in Bezug auf die zentralen ökologischen Überlebensfragen angezeigt, sondern auch im Hinblick auf eine generalisierte Maxime der »Lebensdienlichkeit« von Wirtschaften und Handeln, die sich auf alle lebendigen Entitäten bezieht und ihr Verhältnis untereinander immer wieder neu aushandelt.