Angelika Epple

ist Prorektorin für Internationales und Diversität und Professorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Sie leitet den Bielefelder Sonderforschungsbereich 1288 »Praktiken des Vergleichens. Die Welt ordnen und verändern«.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichtstheorie, der Mikrogeschichte der Globalisierung und der Geschichte des Rassismus.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im August im transcript Verlag erscheint.


Der Vergleich von Neuinfektionen, die Berechnung der Todeszahlen pro 100.000 Einwohner, national unterschiedliche Arten und Weisen der Bekämpfung – im Umgang mit dem neuartigen Virus SARS-CoV-2 greifen Politikerinnen wie Journalisten, Wissenschaftlerinnen wie Verschwörungstheoretiker auf eines zurück: auf Vergleiche. Häufig fällt uns gar nicht auf, wenn eine Argumentation auf Vergleichen beruht. Nicht nur der Komparativ (schneller, weiter, höher), sondern auch die kleinen Wörtchen »wie« oder »mehr als« markieren Vergleiche lexikalisch: »Wenn wir eine Situation wie in Norditalien verhindern wollen, dann müssen wir…« oder »wenn wir den Lockdown fortsetzen, dann sterben dadurch mehr Menschen als an Corona«.

Frei nach Friedrich Nietzsche können wir sagen: Wir leben seit Corona in der Schule des Vergleichens. Nicht, dass zuvor nicht verglichen worden wäre – ganz im Gegenteil. Vergleichen hat eine lange Geschichte. Aber kaum je haben sich Gesunde und Kranke, Alte und Junge mit der ubiquitären Alltagspraxis und ihren Wirkungen so intensiv beschäftigt. Wir bekommen das Verfahren in actu vorgeführt. Wir sind Augenzeugen, wie mithilfe von Vergleichen Orientierung gesucht, gefunden und begründet wird. Methodische Finessen des statistischen Vergleichens werden diskutiert, die Aussagekraft der Zahlen angezweifelt, um anschließend weiter zu vergleichen.

Vergleichen ist eine komplexe Tätigkeit, die zudem mit zahlreichen anderen Tätigkeiten (wie z.B. dem Testen von Reaktionen, dem Messen, dem Beobachten usw.) verschränkt ist. Das Vergleichen als wissenschaftliche Methode hat die Funktion, Hypothesen zu ermöglichen und sie zu bekräftigen oder zu widerlegen. Das Vergleichen ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in den meisten Wissenschaften eine wichtige, häufig die wichtigste Methode.

Das Riskante an der vergleichenden Methode ist, dass sie einerseits auf einer Konstruktionsleistung der Wissenschaftler*innen beruht, diese andererseits aber verdeckt und so den Eindruck erweckt, ganz von den Objekten und deren Eigenschaften bestimmt zu sein. Das Janusgesicht des Vergleichens birgt Gefahren, denn es ermöglicht sowohl die Überbetonung der Objektivität als auch die Überbetonung der Konstruktionsleistung.

In der öffentlichen Diskussion um den Corona-Virus lassen sich drei unterschiedliche Vergleichstypen ausfindig machen, die auf das Janusgesicht des Vergleichens unterschiedlich reagieren: der medizinische Typus, der politische Typus und der Typus der Verschwörungstheorien.

Vor allem in den ersten Monaten der Krise von Januar bis April 2020 bestimmten in der deutschen Öffentlichkeit Epidemiologen und Virologinnen die Diskussion. Politiker*innen argumentierten mit ihren Erkenntnissen. Mit großer Klarheit betonten die Mediziner*innen einerseits den Konstruktionscharakter ihrer Daten, die Vorläufigkeit und auch die Begrenztheit ihrer Erkenntnisse. Andererseits wurde der Wahrheitsanspruch ihrer Aussagen nicht angezweifelt. Konstruktion und Wahrheitsaussagen erschienen versöhnt: Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit, die Widerspruchsfreiheit und die Reproduzierbarkeit waren die entscheidenden Kriterien, mit Hilfe derer überprüft wurde, wie plausibel ihre Aussagen waren.

Der kurze Flirt der Politik mit der Wissenschaft ging zu Ende, als immer neue Erkenntnisse bisherige ablösten. Nun herrschte der Eindruck vor, medizinische Expert*innen wüssten selbst nicht, was sie wollten. Offensichtlich haben sich manche Politiker eine Wissenschaft gewünscht, die mit quasi-objektiven Gesetzmäßigkeiten die Welt erklärt. Eine solches scientistisches Wissenschaftsverständnis allerdings würde den Konstruktionscharakter des Vergleichens hinter einem naiven Positivismus unsichtbar werden lassen. Dass der Scientismus bereits seit einem halben Jahrhundert aus der Mode gekommen ist, macht die Welt komplexer: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind streitbar.

Die Widerlegbarkeit wissenschaftlicher Aussagen wird auch von einer ganz anderen Richtung problematisiert: dem verschwörungstheoretischen Typus. Er breitet sich seit Mai 2020 aus. Seine Blütezeit ist unvorhersehbar, da sich bestimmte Muster immer wieder neue Inhalte suchen. Hier schlägt das Pendel in Richtung eines beliebigen Konstruktivismus aus. Die gewagtesten Vergleiche finden sich, wenn die Kritik am Umgang mit dem Corona-Virus mit der Angst vor der Einführung einer »neuen Weltordnung« verbunden wird. Während Aussagen über Opferzahlen oder Sterbestatistiken als fake news bezeichnet werden, stützten sich die Beweise der eigenen Argumentation auf falsche Generalisierungen und eine besondere Art des Vergleichens, auf Analogien. Mithilfe von Analogien wird aus einer ähnlichen Situation dieselbe Schlussfolgerung gezogen: Da es in der Geschichte viele Verschwörungen gab (zum Beispiel die Dreyfus-Affäre) und es das Kennzeichen von Verschwörungen ist, von Zeitgenossen nicht erkannt zu werden, ist die »neue Weltordnung« eine Verschwörung, weil sie nicht als solche erkennbar ist. Der Konstruktionscharakter des Vergleichens wird dabei so überdehnt, dass die daraus abgeleiteten Aussagen nicht mehr bestreitbar sind.

Gibt es Lektionen aus der Schule des Vergleichens? Vergleichspraktiken sind besonders hilfreich, um Unbekanntes einzuordnen und um aus Bekanntem neue Erkenntnisse abzuleiten. Vergleichen ist jedoch ein riskantes Verfahren, denn es konstruiert die vergleichende Beziehung zwischen zwei Elementen, von der es im Anschluss wahrheitsfähige Aussagen ableitet.

Wenn Vergleiche in Argumentationen eingesetzt werden, dann sollte ihr Konstruktionscharakter nicht versteckt werden. Die Überbetonung des Objektivismus birgt die Gefahr einer naiven Wissenschaftsgläubigkeit. Die Überbetonung des Konstruktivismus birgt die Gefahr der Verschwörungstheorien. Objektivismus und überdehnter Konstruktivismus dulden keine Widerlegungen. Sie unterbinden die sachbezogene Kontroverse – in der Wissenschaft wie in der Politik.