Simon Scharf

Simon Scharf

Germanist und Philosoph, promovierte zu Identitätserzählungen in der Gegenwartsliteratur.

Er ist als Lektor im Psychosozial-Verlag Gießen tätig.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im August im transcript Verlag erscheint.


Mit der Verbreitung des Coronavirus greift auch der Begriff der Solidarität um sich und legt neue Schwerpunkte auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl gemeinsamer Ziele und Interessen. Im Sog starker Solidaritätsbekundungen und diverser Praxen der Anteilnahme scheint es, dass die hochindividualisierte Gegenwartsgesellschaft wieder neu über ein verbindendes Kollektivbewusstsein diskutiert. In der Ambivalenz zwischen Integration und Ent-Solidarisierung zeigt sich interessanterweise über den Begriff der Systemrelevanz und eine wieder aufflammende Kriegsmetaphorik, wie polarisiert diese Diskussion auf sprachlicher Ebene bereits begonnen hat.

Kriegszustände leben von – im demokratischen Sinne verdächtigen – Klarheiten und gehen auf eine bedeutungsbezogen sehr markante Konstruktion zurück: Die Markierung von Innen und Außen, bei der dem vermeintlich homogenen Kern der Gemeinschaft ein feindliches Äußeres gegenüberstellt wird, wirkt dabei zunächst solidaritätsstiftend. Die von der deutschen Bundeskanzlerin Mitte März adressierte »Gemeinschaft« soll gewissermaßen die Idee der Einigkeit im Bewusstsein der äußeren Gefahr, im »Kampf ums Überleben« verkörpern – als neues Kollektiv im Bewusstsein einer funktional ausdifferenzierten, komplex und widersprüchlich funktionierenden Gesellschaft? Auch der von den Balkonen beklatschte Held hat – als Garant von Gesundheit und funktionierenden Lieferketten – heute wieder Hochkonjunktur: Auch wenn er als einheitsstiftende Figur gewissermaßen zur Solidarität mahnen soll, wirft seine Glorifizierung doch auch immer ein abgrenzendes Schlaglicht auf alles Nicht-Heldenhafte und Mittelmäßige. Überhaupt mutet dieser neue Leistungsheroismus der spätmodernen Gesellschaft irgendwie windschief an – in einer im Wesentlichen doch arbeitsteiligen Gesellschaft mit einer demokratischen Idee von Teilhabe mit Blick auf ein größeres Ganzes. Zudem scheint doch eine gewisse gesellschaftliche Doppelmoral auf, wenn das individualistische Credo des Kunden als König in diesen Tagen der Feier heldenhafter Kassierer*innen fast vergessen scheint.

Auch die Auseinandersetzungen um »systemrelevante« Berufe lösen die damit vielfach aufgerufenen solidarischen Versuche, wichtige gesellschaftliche Akteur*innen explizit auszuzeichnen, nur unzureichend ein: Mit der Bankenkrise 2008/2009 als einigermaßen trennscharfe ökonomische Kategorie eingeführt, zeigt die gegenwärtige Corona-Pandemie, wie ein mehr und mehr fluides, unscharfes und moralisch aufgeladenes Konzept dazu dient, ökonomische Verteilungsfragen in Abgrenzung und Konkurrenz anzugehen. Zu Beginn der Pandemie war dabei noch vermeintlich eindeutig, auf welchen Füßen das »System« steht: Aus der Einigkeit, Gesundheit und Grundversorgung mit Lebensmitteln in diesem Sinne als »relevant« auszuzeichnen, wurde schnell die vielfältige Beanspruchung der jeweils berufsbezogen eigenen Systemrelevanz bei verwässerter sprachlicher Kriterienlage: Wenn man sich nicht mehr darüber im Klaren ist oder sein will, dass eine verflochtene Gesellschaft die Systemrelevanz aller konstitutiv voraussetzt, kann man den Begriff auch so weit aushöhlen, dass er lediglich abgrenzende und kompetitive Grenzlinien zwischen wichtigen und nicht-wichtigen Berufsgruppen einzieht. Solidarität entzieht sich auf diesem Wege einer (sprachlichen) Fassbarkeit und wird zum Spielball ökonomisch orientierter Überbietungsformeln.

Dass diese kritischen Ambivalenzen entstehen, zeigt auch, wie notwendig ein verstärktes Beharren auf tatsächlich demokratischen Umgangsformen ist. Über neue Formen des solidarischen Sprechens nachzudenken, bedeutet für die Zukunft so vor allem, den Einzelnen politisch als mündig-kooperative(n) Bürger*in zu adressieren und ihn bzw. sie nicht mit einfachen Polaritäten und kriegerisch simplifizierender Rhetorik abzuspeisen, sondern Komplexität und Unsicherheit zuzumuten – jenseits von Angst und Strategie. Aber auch das Individuum wird hier gefordert sein, sich dem kompetitiven Überbietungssog einer zunehmend ökonomistisch denkenden Gesellschaft zu entziehen und die Bereitschaft zum Kompromiss und zur rationalen Umsetzung von Interessen neu zu erproben. Der Anfang des gesellschaftlich Solidarischen ist damit im Wesentlichen sprachlicher Natur.