Auszug aus der Einleitung

Sebastian Haunss / Moritz Sommer (Hg.)

Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel

»Wer die weltweit größte und überraschendste Jugendbewegung der Neuzeit, Fridays for Future, begreifen will, muss dieses Buch lesen.«

Prof. Dr. Peter Hennicke


Wenn neuartige Massenproteste auf der Bildfläche erscheinen, sind (Vor-)Urteile schnell zur Hand. Die Auswahl der medialen Bilder bestimmt dabei die subjektive Einordnung der Kommentator_innen ebenso wie die politi­sche Positionierung gegenüber den Anliegen der Protestierenden.

Das war bei Fridays for Future nicht anders. Gerade zu Beginn der Proteste in Deutschland im Winter 2018/19 bestimmten pauschalisierende Charakterisierungen der Demonstrierenden die öffentliche Debatte. In Teilen konservativer und rechter Kreise wurde diskreditierend von naiven oder gar unpolitischen »Wohlstandskindern« (Die Welt vom 2. Februar 2019) gesprochen, die in erster Linie am Schulschwänzen interessiert oder von Umweltorganisationen gesteuert seien. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums kam es schnell zu einer euphorischen Umarmung der Protestbewegung, die als hoffnungsfrohes Zeichen einer massenhaften Politisierung der Jugend interpretiert wurde. Augenscheinlich in dieser Frühphase von Fridays for Future in Deutschland war der Gegensatz von enormer Aufmerksamkeit bei gleichzeitig kaum vorhandenem faktenbasierten Wissen über die Bewegung.

In dieser Situation lag es nahe, mit den Methoden der Protest- und Be­wegungsforschung den Versuch zu unternehmen, mehr über diesen neuen Akteur der Klimabewegung herauszufinden. Den Anstoß gab ein Aufruf schwedischer Kolleg_innen, sich an einer international angelegten Befra­gung der Protestierenden des ersten globalen Klimastreiks am 15. März 2019 zu beteiligen. Dieser wurde in Deutschland von einer Gruppe von Forscher_innen des Instituts für Protest- und Bewegungsfor­schung (ipb) aufgegriffen, zu der auch die beiden Herausgeber dieses Bu­ches gehörten.

[…] Eine erste, selektive Auswertung der deutschen Befragungsergebnisse konnten wir bereits Ende März 2019 präsentieren. Im August 2019 folgte eine ausführliche Darstellung im ipb working paper Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland, das den Ausgangspunkt für dieses Buch lieferte.

Zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2019 war klar, dass die Geschichte von Fridays for Future weitergehen würde. Die Mobilisierung zu den freitäglichen Protesten hatte bis zu den Sommerferien angehalten und sich auf immer mehr Städte in ganz Deutschland ausgebreitet. Den Massendemonstratio­nen am 15. März 2019 folgte im Mai ein weiterer globaler Aktionstag und im Juni Massenproteste gegen den Braunkohleabbau im Bündnis mit den Akti­vist_innen von Ende Gelände. Ihren bisherigen Mobilisierungshöhepunkt er­reichte Fridays for Future am 20. September 2019, an dem sich in Deutschland bis zu 1,4 Millionen Menschen in über 500 Städten am 3. Globalen Klima­streik beteiligten. Gleichzeitig waren keine substanziellen Veränderungen der nationalen und internationalen Klimapolitiken zu beobachten.

Fridays for Future hatte es zwar ganz oben auf die mediale Agenda geschafft, eine politische Umsetzung ihrer Forderungen blieb jedoch aus. Daran änderte auch das aus Sicht der Demonstrierenden enttäuschende Klimapaket der Bundesregierung im Herbst 2019 nichts. So verlagerte sich der Fokus der öffentlichen Debatte alsbald weg vom (jugendlichen) Profil der Demonstrie­renden, ihrer Motivation oder der Legitimität ihrer freitäglichen Schulabs­tinenz hin zu Diskussionen um eine vermeintliche ›Radikalisierung‹ der Be­wegung. Diese Debatte wurde durch das zeitgleiche Auftreten der Gruppe Extinction Rebellion, die deutlich konfrontativer als FFF mit Brückenbeset­zungen und anderen Formen des zivilen Ungehorsams für einen radikalen Wandel in der Klima- und Umweltpolitik eintrat, weiter befeuert. Spätestens mit den nun deutlich weniger gut besuchten Massendemonstrationen des 4. Globalen Aktionstags am 4. November 2019 setzte eine Findungsphase ein, in der die strategische und inhaltliche Ausrichtung in Teilen der Bewe­gung infrage gestellt wurden sowie deutliche Erschöpfungserscheinungen unter vielen Aktivist_innen und ein sichtbar abnehmendes Medieninteresse hervortraten. Der in dieser komplizierten Phase einsetzende Ausbruch der Coronapandemie und die damit einhergehenden Demonstrationsbeschrän­kungen kamen somit zur Unzeit und stellten die Bewegung vor existenzielle Herausforderungen. Umso bemerkenswerter ist, wie schnell FFF reagierte und wie es der Bewegung gelang, auch in der Coronakrise mit innovativen Mitteln des On- und Offlineprotests die Einhaltung der Klimaschutzziele aufrechtzuerhalten. Fridays for Future ist gekommen, um zu bleiben.

[…] Fridays for Future hat eine beachtliche Entwicklung hinter sich und bereits jetzt Spuren in der Gesellschaft und im politischen Gefüge der Bundesre­publik Deutschland hinterlassen. Und so geht es in diesem Buch nicht allein mehr darum zu fragen, wer dem Aufruf der Fridays for Future-Gruppen folgt und für den Klimaschutz auf die Straße geht. Die Autor_innen der einzel­nen Kapitel nähern sich dem Phänomen Fridays for Future aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben den Auswertungen der Demonstrationsbefragungen bieten die Beiträge vielfältige Einblicke in die Organisationspraxis und das Selbstverständnis der Bewegung. Sie ord­nen die Protestformen historisch und in den Kontext früherer Klimaproteste ein, untersuchen den gesellschaftlichen Rückhalt der Bewegung und disku­tieren die Herausforderungen, vor denen Fridays for Future steht.


Das Inhaltsverzeichnis

Fridays for Future  Konturen einer neuen Protestbewegung
Sebastian Haunss, Moritz Sommer, Lisa Fritz

Wer demonstriert da?  Ergebnisse von Befragungen bei Großprotesten von Fridays for Future in Deutschland im März und November 2019
Moritz Sommer, Sebastian Haunss, Beth Gharrity Gardner, Michael Neuber, Dieter Rucht

The same, only different Die Fridays for Future-Demonstrierenden im europäischen Vergleich
Michael Neuber, Piotr Kocyba, Beth Gharrity Gardner

Mobilisierungsprozesse von Fridays for Future Ein Blick hinter die Kulissen
Dieter Rucht und Dieter Rink

Freitag ist Streiktag Die wöchentlichen Fridays for Future-Protestkundgebungen
Charlotte Grupp, Max Hundertmark, Sophie Mandel

Schulstreik Geschichte einer Aktionsform und die Debatte über zivilen Ungehorsam
Simon Teune

Kollektive Identität und kollektives Handeln Wie werden Entscheidungen in Fridays for Future-Ortsgruppen getroffen?
Luca Marie Döninghaus, Konstantin Gaber, Renée Gerber, Jonas Laur, Helena Redmer, Ann-Katrin Schlott, Anne Wollschläger

Nähe und Distanz Das Verhältnis zwischen Umwelt-NGOs und Fridays for Future
Timo Gentes, Lina Löning, Alena Trapp

Fridays for Future im Spiegel der Medienöffentlichkeit
Max Goldenbaum und Clara S. Thompson

Die gesellschaftliche Unterstützung von Fridays for Future
Sebastian Koos und Franziska Lauth

Fridays for Future als Sinnbild ihrer Generation
Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht

Fridays for Future Eine Erfolgsgeschichte vor neuen Herausforderungen
Moritz Sommer und Sebastian Haunss