Sascha Dickel

Sascha Dickel

ist Juniorprofessor für Mediensoziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Er forscht zu Technikzukünften, wissenschaftlicher Partizipation und posthumaner Sozialität.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im August im transcript Verlag erscheint.


Die Coronakrise betrifft uns nicht nur als individuelle Körper, sondern auch als soziale Wesen. Verantwortlich dafür ist vor allem jener Imperativ des sogenannten Social Distancing. Doch dieser Begriff ist irreführend. Er basiert auf einem verkürzten Verständnis des Sozialen und er unterschlägt, dass unser Miteinander längst von Medien bestimmt ist. Dabei zeigt uns die aktuelle Krise doch sehr eindrücklich, dass Sozialität sich nicht in der Begegnung ko-präsenter Körper erschöpft. Wir sind geübt im Distant Socializing (Mau 2020; Witte und Zaki 2020). Und das nicht erst seit gestern. Ich möchte dazu im Folgenden drei Thesen zur Diskussion stellen.

1. Gesellschaft findet auch ohne physische Interaktion statt

Die Gesellschaft kommt ohne menschliche Körper nicht aus und manchmal ist es sogar unabdingbar, dass Menschen miteinander reden. Gleichwohl erlauben Medien längst eine asynchrone Sozialität ohne unmittelbare Interaktion. Leute schreiben Briefe, die erst Tage oder Wochen später beantwortet werden, Verwaltungen legen Akten an, von denen nicht klar ist, wer sie wann lesen wird (wenn überhaupt). Das Fernsehen sendet an ein unbekanntes Publikum. All jene Kommunikationstechniken erlauben erst den Aufbau und den Erhalt komplexer Organisationen und die Pflege weit gespannter Netzwerke. Sie haben längst die Federführung in der Herstellung sozialer Ordnung übernommen. Was wir jetzt mit einigem Staunen beobachten können, ist, dass Kommunikation – und damit Gesellschaft – weiterläuft, ohne dass dafür eine Interaktion körperlich Anwesender stets nötig ist.

2. Interaktion funktioniert auch ohne körperliche Anwesenheit

Doch Medien können noch mehr: Sie erlauben es uns, auch zur gleichen Zeit miteinander zu sprechen, wenn unsere Körper sich weit voneinander entfernt aufhalten. Wir lernen, das Zuhause als Homeoffice zu begreifen und einzurichten, und beginnen zu verstehen, dass Weinabende mit Freunden auch über Videotelefonie möglich sind. Meine Fachkolleg*innen Hubert Knoblauch und Martina Löw verstehen diese neuen medialen Routinen als Behelfsmaßnahmen, zu denen Akteure dann greifen, wenn eine Interaktion unter körperlich Anwesenden nicht realisierbar ist. Sie weisen auf die Holprigkeit der Skypesitzung, die fehlende Wärme des Tweets und die Trostlosigkeit von Telefonaten in existenziellen Krisensituationen hin (Knoblauch und Löw 2020). Diese Defizite sind kaum zu bestreiten. Mediatisierte Interaktion leistet eben nicht dasselbe wie eine Interaktion unter körperlich Anwesenden. Doch hat sie auch ihre Vorzüge. So lässt sich das Skypegespräch etwa mitschneiden und speichern – und kompensiert so die Flüchtigkeit jedweder Interaktion. Vor allem aber ermöglicht es eine Form des Sozialen, die darauf verzichten kann, dass sich Körper (mitunter über weite Strecken) durch den Raum bewegen.

3. Unser soziales Leben funktioniert längst medial

Die Krise führt uns vor, wie allgegenwärtig Medien in unserem Leben sind. Seit es Massenmedien wie die Zeitung, das Radio und das Fernsehen gibt, ist die Öffentlichkeit stets zu Gast im Privaten. Mit dem Internet ist aus diesem Gast ein dauerhafter Mitbewohner geworden. Spätestens seit dem Smartphone ist Sozialität unter Abwesenden (synchron und asynchron) zur Normalität geworden. Die Krise klärt uns auf, wie sehr unsere Sozialität durch technische Infrastrukturen bestimmt ist, in der die Interaktion anwesender Körper zum Sonderfall der Kommunikation geworden ist – reserviert für sehr spezifische Anlässe. Der Wert, den wir eben dieser Form des Sozialen beimessen, wenn er – wie jetzt – nicht mehr unproblematisch verfügbar ist, zeigt, welche Ausnahmestellung diese Form des Miteinanders längst innehat.

Literaturverzeichnis

Knoblauch, Hubert; Löw, Martina (2020): Dichotopie. Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: SFB 1265 »Re-Figuration von Räumen«, 30.03.2020. Online verfügbar unter https://sfb1265.de/blog/dichotopie-refiguration-von-raeumen-in-zeiten-der-pandemie/

Mau, Steffen (2020): Social Distancing ist irreführend, es gibt einen passenderen Begriff – Politik – Tagesspiegel. In: Tagesspiegel, 01.04.2020. Online verfügbar unter https://www.tagesspiegel.de/politik/unterschied-zwischen-physischer-und-sozialer-naehe-social-distancing-ist-irrefuehrend-es-gibt-einen-passenderen-begriff/25699794.html

Witte, Melissa de; Zaki, Jamil (2020): Instead of social distancing, practice »distant socializing« instead, urges Stanford psychologist. In: Stanford News, 19.03.2020. Online verfügbar unter https://news.stanford.edu/2020/03/19/try-distant-socializing-instead/