Christine Hentschel

ist Professorin für Kriminologie, insbesondere Sicherheit und Resilienz, am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg.

Sie forscht zu Ideologien und Mobilisierungsformen der »neuen Rechten«, zu Affekt und Öffentlichkeit, Situational Awareness im urbanen Raum sowie dem Zusammenhang von Klimakrise und Unsicherheit.

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im Juli 2020 erschienen ist.


Wie erfindet sich politische Öffentlichkeit neu in einem Regime, das uns einander vom Leib halten will? Wie lassen sich die Proteste gegen die Coronamaßnahmen als Akte des physischen und affektiven Präsentwerdens im öffentlichen Raum verstehen, in einer Zeit, in der uns die »Körperwelt« da draußen (Koschorke 2020) suspekt geworden ist?

In meinen wöchentlichen Beobachtungen der Demonstrationen gegen die Pandemiemaßnahmen in Hamburg erstaunt mich, wie vehement die Kategorien »links« und »rechts« von den Demonstrierenden als bedeutungslos abgelehnt und stattdessen moralische Bekenntnisse über »Liebe« »Freiheit«, »Wahrheit« und »Widerstand« abgegeben werden, unterstützt durch Zitate von Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Mahatma Gandhi. Es sind gerade die losen Enden, die scheinbar nicht zu einander passenden Behauptungen, die dramatischen Übertreibungen und das schamlose Vereinnahmen von Slogans anderer politischer Kämpfe, die mich an diesen Protesten interessieren.  Dabei ist der Modus des Bekenntnisabgebens – etwa ein emporgehaltenes Buch oder eine Kreidezeichnung auf dem Asphalt – ein wichtiger Schlüssel, um die sonst diffus bleibenden Botschaften zu entziffern.

9. Mai 2020: ein Tag nach dem Tag der Befreiung. Vor dem Hamburger Rathaus weht die Europafahne, auf dem Platz haben hunderte Menschen auf Yogamatten und Decken Platz genommen, Grundgesetze ausstellend oder in ihnen blätternd. Ich bahne mir den Weg durch die lose angeordnete Menge bis zur angemeldeten Kundgebung in einem von rotweißem Band eingehegten Carré vor dem Rathaus. Sie ist auf 50 Menschen begrenzt, die durch ihren Abstand gut sichtbar ihre Schilder hochhalten: »Stoppt den Corona-Wahnsinn! Corona = ganz normale Grippe!«, »Maskenball beenden« oder »Gib Gates keine Chance«. Die lose Menge jenseits der Absperrung feuert die offiziell Demonstrierenden an und trägt ihrerseits Bekenntnisse an ihren Körpern – im weißen Imkeranzug mit der Aufschrift »Frieden und Freiheit«, mit Hut, auf dem »Freiheit und Selbstbestimmung« gestickt ist, oder mit Maske, auf der »Maulkorb« geschrieben steht.

Nach den Reden wird die Nationalhymne angestimmt, dann »Wir sind das Volk!«, »Freiheit, Freiheit« und schließlich, mit Gitarrenbegleitung, »Die Geda-han-ken sind frei«. Ich zucke zusammen: Die Kombination von genau diesen Parolen, gemeinsam mit dem inbrünstigen Singen von Volksliedern, kenne ich von rechten Demonstrationen in Sachsen. Ein Mann im T-Shirt mit einem großen Q, der sich der QAnon-Bewegung zugehörig fühlt, erklärt mir mit ruhiger Stimme und wohl gewählten Worten, warum er Trump-Anhänger ist: Trump rette die Kinder aus den Verstecken der Pädophilen; das Virus gäbe es nicht. Seine Bekannten verabschieden sich von ihm mit Umarmung und Küsschen.

Am Rande der Kundgebung klagen antifaschistische Gegendemonstrant*innen die Impfgegner*innen an. »Spinnst Du? Ich, ein Nazi? Wir sind hier für die Grundrechte!«, schreit eine Frau empört zurück. Und eine andere Frau erklärt mir: »Ich habe keine Gesinnung. Nicht links nicht rechts, wir sind hier gemeinsam, als Menschen.«

Ich frage eine junge Frau, deren Kinder um die just gemalten Buchstaben herumspringen, was es mit dem hier geschriebenen »Großen Erwachen« auf sich habe. Ja, wir müssen aufwachen, erklärt sie. Wenn wir mal anfangen zu lesen, welche Zusammenhänge es gibt, dann sehen wir, wie geblendet wir alle sind. Bill Gates habe auch unsere Regierung gekauft und das Virus sei nur dafür da, dass Bill Gates die Impfung dafür bereitstellen könne. Eine andere Frau führt den Gedanken fort: Hier wird eine neue Weltordnung durchgesetzt und wir merken es nicht, wir rutschen in die totale Sklaverei! Sie mustert mich: »Sag mal, du siehst aus, als seist du ein kritischer Mensch: Liest du nicht, fällt dir das nicht auf?«

Das Motiv des Erwachens aus einem Schlummerzustand oder einer Sinnestäuschung ist ein zentrales Motiv im rechten Denken. Es wird als Moment imaginiert, an dem man »den linken Quatsch, in den wir eingewebt sind wie in ein Spinnennetz, endlich durchschaut hat« (Lichtmesz/Sommerfeld 2017: 206), wie die neurechten Denker*innen Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld ausführen. Die Rede vom großen Erwachen lässt sich auch als apokalyptisches Motiv deuten: eine Erzählung vom bevorstehenden Ende und der Offenbarung, Enthüllung und Aufdeckung der Wahrheit. Apokalyptische Narrative erzählen von Momenten der Entscheidung und der Unterscheidung – etwa zwischen Reinheit und Unreinheit, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge (Brokoff 2001: 16) – und handeln dabei immer auch Fragen von Kollektivität und Wertigkeit aus.

Wo diese Proteste schließlich hinführen, ob ihre Fäden auslaufen, sich gelangweilt zusammenziehen, in rechte Knäule aufgewickelt oder sich auf andere Weise verheddern werden, ist offen. Aber schon jetzt sind sie als »affective workout[s]« (Waldmann 2020) ernst zu nehmen, die aus dem Festsitzen zu Hause die Körperwelt draußen neu ausloten – mit mitgebrachten Yogamatten und beschwörenden Gesängen, mit absurden Wahrheitsbehauptungen, dem offenem Flirten mit antisemitischen Verschwörungsfantasien, und der nervösen Zurkenntnisnahme einer jungen, globalen Bewegung gegen Rassismus.

Literatur

Brokoff, Jürgen (2001): Die Apokalypse in der Weimarer Republik. München: Wilhelm Fink Verlag.

Koschorke, Alfred (2020): Aus Berührung wird Rührung. In: Die Zeit vom 20.05.2020: S. 52.

Lichtmesz, Martin/Sommerfeld, Caroline (2017): Mit Linken leben. Schnellroda: Antaios Verlag.

Waldman, Katy (2020): »Dear Diary, the World Is Burning«. On the value of private thoughts during a public crisis. In: The New Yorker vom 10.04.2020. https://www.newyorker.com/books/page-turner/dear-diary-the-world-is-burning