Ende 2019 lebten 9,5 % Prozent der Menschen in Deutschland mit einer Behinderung, weltweit sind es mit einer Milliarde Menschen rund 15 % der Bevölkerung. Auch wenn statistisch gesehen die meisten Behinderungen körperlicher Natur sind, ist nicht jede objektiv wahrnehm- und sichtbar.

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen definiert Behinderung als Wechselwirkung von körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen und gesellschaftlichen bzw. infrastrukturellen Hürden. Gesetze zu gesellschaftlicher Teilhabe sowie inklusiven Angeboten im Bildungssektor oder auf dem Arbeitsmarkt, die in den letzten Jahren verabschiedet wurden, sollen die Selbstbestimmung Behinderter stärken und so deren gesellschaftliche Benachteiligung reduzieren. Doch Begleiterscheinungen wie strukturelle Diskriminierungen, mangelnde Barrierefreiheit und ein erhöhtes Armutsrisiko halten sich hartnäckig und erschweren den Alltag und das soziale Standing zahlreicher mit Behinderung Lebender immens.

Seit 1993 wird der 3. Dezember jährlich als Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung gefeiert. Er schloss an die von der UNO ausgerufene sogenannte »Dekade der Behinderten« (1983–1993) an und ruft Organisationen dazu auf, sich den Belangen und Problemen behinderter Menschen zu widmen und diese publik zu machen. Menschen mit Behinderungen und ihre Bedürfnisse für eine nachhaltige Lebensgrundlage werden medial ins Zentrum gerückt, ihre Beiträge für die Gesellschaft gefeiert und die Umsetzung internationaler Normen und Standards gefördert.

Zum Aktionstag stellen wir informative Bände vor, die das Thema Behinderung und dessen Ausprägungen, Arten und Umstände aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und so einer breiten, interessierten Öffentlichkeit – und somit auch und vor allem Nichtbehinderten – zugänglich machen.


Unser Titelbild

Ann Magill, Disability Pride Flag
Die Disability Pride Flag wurde 2019 von Ann Magill gestaltet. Der schwarze Hintergrund steht für die Opfer ableistischer Gewalt und für Rebellion. Der Zickzackverlauf der Streifen steht dafür, dass behinderte Menschen Barrieren überwinden müssen, und für ihre Kreativität bei dieser Aufgabe. Die Farben Hellblau, Gelb, Weiß, Rot und Grün symbolisieren fünf verschiedene Formen von Behinderung: mentale und geistige Erkrankungen, Neurodiversität, unsichtbare und nicht diagnostizierte Behinderungen, Körperbehinderungen und Sinnesbehinderungen. Die Parallelität der Streifen unterstreicht die Solidarität der Betroffenen untereinander.


Ausgewählte Titel zum Thema:

Sarah Karim

Arbeit und Behinderung
Praktiken der Subjektivierung in Werkstätten und Inklusionsberichten

Im Anschluss an die soziologischen Disability Studies werden kreative Praktiken von Menschen mit Lernschwierigkeiten vorgestellt, mit denen sie den Herausforderungen von Verbesonderung und Inklusion am Arbeitsplatz begegnen.

»Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten sind sich [der] Anforderung [des Leistungsprinzips] bewusst. Einerseits versuchen sie, ihr zu genügen; andererseits schaffen sie es, wenn auch nicht immer explizit, Kritik daran zu üben. Von ihnen kann man viel über unsere gegenwärtige Arbeitskultur lernen, wenn man ihnen zuhört.«

Sarah Karim

Tomas Vollhaber

Wem gehört die Gebärdensprache?
Essays zu einer Kritik des Hörens

Gebärdensprache ist für Gehörlose wichtig und bei Hörenden beliebt. Eine Suche nach gemeinsamen kulturellen Spuren und kultureller Aneignung durch Hörende.

»Fast alle Menschen wissen, dass Gebärdensprache die Sprache tauber Menschen ist. Wie kommt es, dass auch hörende Menschen von dieser Sprache angesprochen und manche von ihr so begeistert sind, dass sie sie erlernen wollen, obwohl sie keinen Kontakt zu tauben Menschen haben? Worin unterscheidet sich die Beschäftigung mit dieser Sprache von der mit einer anderen Fremdsprache? Was berührt Hörende, wenn sie Gebärdensprache sehen?«

Tomas Vollhaber

Ramona Jelinek-Menke

Religion und Disability
Behinderung und Befähigung in religiösen Kontexten. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung

Eine systematische und empirisch fundierte Zusammenführung von Religionswissenschaft und Disability Studies.

»Viele gehen davon aus, dass Religionen ethische Grundsätze für den Umgang mit behinderten Menschen beinhalten und dass sich religiöse Organisationen um Betroffene kümmern. Es wird aber kaum diskutiert, welche Bedeutung religiöse Vorstellungen, Rituale und Organisationen für die soziale Stellung von Personen und die Konstruktion von Normalität in der Gesamtgesellschaft haben.«

Ramona Jelinek-Menke

Christoph Egen

Was ist Behinderung?
Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Funktionseinschränkungen vom Mittelalter bis zur Postmoderne

Der Behinderungsbegriff spiegelt die menschliche Vielfalt nicht adäquat wider, sondern transportiert das Bild einer scheinbar homogenen Menschengruppe. Eine Studie über Abwertungs- und Ausgrenzungsprozesse von Menschen mit Funktionseinschränkungen im geschichtlichen Verlauf.

»Behinderung ist ein ubiquitäres – natürliches und gesellschaftliches – Phänomen, das die Fragilität und Unkontrollierbarkeit des Lebens ins Bewusstsein ruft.«

Christoph Egen


Frisch im November erschienen:


Andrea Fischer-Tahir

Sehbehinderung und Arbeit
Rekonfigurationen im digitalen Kapitalismus

Eine Inklusion, die auf bedarfsgerechte Teilhabe am Niedriglohnsektor abzielt, steht im Kontrast zu den sozialen Interessen von Menschen mit Behinderung auf der Suche nach guter Arbeit. Andrea Fischer-Tahir setzt die Themen Behinderung, Digitalisierung und Arbeit in Bezug zueinander, ermittelt den Gebrauchswert assistiver Technologie und spürt den Rekonfigurationen von Lebensentwürfen nach. Anhand von Interviews und Fokusgruppen untersucht sie aus der Perspektive kritischer Sozialtheorie Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Kapitalismus für Sehbehinderte und rekonstruiert Erfahrungen von Exklusion im beruflichen Feld sowie Machtverhältnisse in Inklusionsmaßnahmen.


Das Standardwerk aus 2007 – seit 2015 auch als E-Book:


Anne Waldschmidt / Werner Schneider (Hg.) ↗

Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung
Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld

Erstmalig für den deutschsprachigen Raum findet in dieser interdisziplinären Anthologie eine Begegnung der Kultursoziologie mit der Soziologie der Behinderung statt. Hierzulande dominiert noch die rehabilitationswissenschaftliche Sichtweise auf ›Behinderung‹. Dagegen ermöglichen es die aus den USA und Großbritannien stammenden Disability Studies, Behinderung als soziale und kulturelle Kategorie zu verstehen und soziologische Schlüsselbegriffe wie Wissen, Körper, Macht, soziale Ungleichheit, Interaktion und Biografie neu zu entdecken.

»Waldschmidt und Schneider [haben] mit diesem Band einen sehr eindrucksvollen und inspirierenden Grundstein gelegt, der die Eigenheiten des gegenwärtigen, deutschsprachigen Diskurses über Behinderung gewinnbringend justiert.«

Christian Fröhlich, SLR, 56 (2008)