Zur Reihe
Wie wir lesen – Zur Geschichte, Praxis und Zukunft einer Kulturtechnik

Lesen – sei es als religiöse Praxis, als Medium der Vermittlung von Wissen und Erzählung oder schlicht als Modus gesellschaftlicher wie persönlicher Interaktion – gehört zweifellos zu den zentralen Kulturtechniken christlich-abendländischer Zivilisation. Die neue, zunächst auf zehn Bände angelegte Reihe »Wie wir lesen« versucht der Geschichte, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den verschiedenen kulturellen wie ästhetischen Ausprägungen dieser Kulturtechnik anhand unterschiedlicher Positionen aus den Sozial-, Geistes- und Kunstwissenschaften nachzuspüren. Was passiert genau, was denken, was fühlen wir, und wie verändert sich unser Verhältnis zu uns selbst und zu unserer Umgebung, wenn wir lesen?

Da in jüngster Zeit nicht wenige mit der globalen Verbreitung digitaler Medien das allmähliche Verschwinden von Buchkultur und damit der sinn- und identitätsstiftenden Funktion des Lesens überhaupt befürchten, erscheint das Fragen nach den veränderten Bedingungen und, vor allem, der Zukunft des Lesens dringlicher denn je.

Warum lesen?

Ausgangspunkt der neuen Reihe war eine gleichnamige Tagung im Literaturhaus der Stadt München im Juni 2018. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Buch- und Lesekultur an der Schwelle zum digitalen Zeitalter haben wir dort gefragt: Warum lesen? Wie ist es um die Wertschätzung des Buches bestellt? Wer kann, wer sollte und vor allem, was lohnt sich zu lesen, in einer Zeit, in der die Menschen, anfangen, sich vom Buch abzuwenden und ihm zunehmend den Respekt verweigern? Für akademische Leserinnen, die häufig auch als Autorinnen tätig sind, sind diese Fragen aufs Engste mit der Tätigkeit des Schreibens verbunden. Wer würde sich noch die Mühe machen, schwierige, anspielungsreiche Texte zu lesen? Für wen schreiben? Und wer besitzt in einer solchen Zeit noch die Kompetenz, zwischen guten und schlechten Büchern zu unterscheiden? Doch so wichtig diese Fragen – zumindest aus der Sicht von Autorinnen und Verlagen – auch sein mögen, sie lassen auch erkennen, dass die Lektüre von Büchern schon länger nichts Selbstverständliches mehr ist. Denn die vielbeschworene Krise des Buches beginnt im Grunde bereits mit seiner massenhaften Ausbreitung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon damals, so jedenfalls der Buch- und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner in Zur Sache des Buches (2015), machte sich unter führenden Intellektuellen und Autoren Unmut über die neue Massenkultur des Lesens breit.

Wie lesen?

Neben der Frage nach den Bedingungen des Lesens wollte die Tagung aber auch einen Blick auf dessen (Vor-)Geschichte werfen, als noch nicht nahezu alle lasen und der Buchkonsum noch nicht zur conditio sine qua non bürgerlicher Selbstwahrnehmung geworden war. Und sie wollte die Perspektive weiten, auf Religion, Soziologie, Kunstgeschichte, Architektur und weitere Disziplinen, in denen Lesen für die in ihrem Umfeld tätigen Wissenschaftlerinnen ebenfalls relevant war. Und schließlich hat sie versucht, auch die ›Praktikerinnen‹ des Lesens – Verlagslektorinnen, Redakteurinnen von Printmedien und Onlineplattformen, freie Autorinnen – selbst zu Wort kommen zu lassen. Der Erfolg und das große Medienecho auf diese Tagung ließen von Anfang an die Idee zu einer kleinen Buchreihe reifen, deren einzelne Bände sich jeweils mit unterschiedlichen Aspekten des Themas in prägnant formulierten, auf ein breiteres Publikum zielenden ›Positionsessays‹ auseinandersetzen sollten. Dabei war es eine glückliche Koinzidenz, dass Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy, die Direktorin des Franz-Marc Museums in Kochel am See und heutige Mitherausgeberin der Reihe »Wie wir lesen«, etwa zeitgleich mit der Tagung im Literaturhaus eine großangelegte Jubiläumsausstellung in Kochel mit dem Thema »Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder« geplant hatte. Das Ergebnis unserer Zusammenarbeit – neben einer Abendveranstaltung, bei der Cathrin Klingsöhr-Leroy ausgewählte Gemälde der Ausstellung in Kochel vorstellte und Barbara Vinken (LMU) und Klaus Benesch (LMU) ein Gespräch über die Sicht von Autorinnen auf das Lesen führten – ist die nunmehr mit dem demnächst vorliegenden zweiten Band Gestalt annehmende Reihe, für die wir die freundliche Unterstützung des transcript-Verlags in Bielefeld gewinnen konnten.

Mythos Lesen

Ein Bereich, in dem ebenfalls professionell gelesen wird, der bei der Tagung zwar nicht ausgespart, von den verschiedenen Beiträgerinnen aber nur am Rande gestreift wurde, waren die Geisteswissenschaften. Lesen findet unter ihren Auspizien sowohl als Wissenschaft wie auch als Technik statt. Nach eingehender Lektüre von Primärliteratur entsteht hier neue, sogenannte ›Sekundärliteratur‹, die wiederum – im besten Fall – von beiden, den Studierenden wie den Lehrenden, gelesen werden sollte; und in Seminaren und Lektürekursen wird an praktischen Beispielen zum ›richtigen‹ Lesen angeleitet, es wird vor- und mit-, wieder- und tief gelesen. Da kann es kaum verwundern, dass Buchkultur und Geisteswissenschaft aufs Engste miteinander verbunden sind und dass das eine oft nicht ohne das andere gedacht werden kann: Ohne geisteswissenschaftliche Beschäftigung mit sprachlichen Kunstwerken wären diese wohl kaum am Markt durchzusetzen, gäbe es weder kompetente Rezensentinnen noch Leserinnen. So jedenfalls der Mythos, der seit den Anfängen der Geisteswissenschaften im frühen 19. Jahrhundert sich dort um das Buch und seine sittlich-moralische Kraft gebildet hat. Höchste Zeit also, am Beginn einer neuen Epoche – dem digitalen Informationszeitalter – eine kritische Bestandsaufnahme dieses Mythos und seiner Bedeutung für die Geisteswissenschaften zu unternehmen. Genau dies versucht der im Februar 2021 erscheinende zweite Band der Reihe, der den Titel trägt: Mythos Lesen. Buchkultur und Geisteswissenschaften im Informationszeitalter.

Krise des Lesens?

Der Maxime unserer kleinen Reihe folgend, will auch er – wie schon Werner Sollors initialer Ausflug in die bildenden Künste – keine ›wissenschaftliche‹ Erörterung des für die Geisteswissenschaften zum Problem gewordenen Lesens sein. Es bleibt, dies ist auch dem begrenzten Umfang der einzelnen Beiträge geschuldet, beim pointierten Argument und bei rhetorisch zugespitzter Essayistik. Wie alle Essays so versteht sich auch dieser zweite Band als Beitrag zur anhaltenden Debatte um die Zukunft von beidem, Buchkultur und Geisteswissenschaften im Informationszeitalter und er versucht, Innen- wie Außenpositionen zu berücksichtigen und darzustellen. Geschrieben unter dem Eindruck der Dringlichkeit einer Öffnung der Universitäten nach außen sowie strukturellen Veränderungen in ihrem Inneren, beschreibt er ein düsteres Szenario für den Fall, dass alles so bleibt wie es ist. Man muss diese Vorausschau nicht teilen; aber von einer Krise und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der geisteswissenschaftlichen Fächer zu reden, dies muss jedem angebracht erscheinen, der unvoreingenommen auf die Situation an den Universitäten – diesseits wie jenseits des Atlantiks – blickt.


Siehe auch den Beitrag Umgekehrte Ekphrasis ↗ von Werner Sollors hier im BLOG.


Reader Interactions

Trackbacks