Werner Sollors

Schrift in bildender Kunst
Von ägyptischen Schreibern zu lesenden Madonnen




Dieser erste Band der Reihe »Wie wir lesen« untersucht, wie sakrale und weltliche Kunstwerke mit Inschriften, Signaturen oder dargestellten Leseszenen uns geradezu zum »Lesen« von Bildern zwingen.

Wenn Bildwerke in literarischen Werken mit Worten beschrieben werden, wie zum Beispiel der Schild des Achilles in Homers Ilias, spricht man von Ekphrasis. Für die bildliche Darstellung von Schrift in der Kunst gibt es dagegen keinen Fachausdruck, und Sigrid Weigel schlägt deshalb vor, von umgekehrter Ekphrasis zu sprechen, wenn Texte in Bilder verwandelt oder in sie eingearbeitet werden. Von Collagen mit eingeklebten Zeitungsfetzen bis zu Wortskulpturen war umgekehrte Ekphrasis in der modernistischen Kunst des 20. Jahrhunderts sehr beliebt. In seinem Buch Bildtheorie fragt W.J.T. Mitchell „wie Worte in Bilder Eingang finden“. Er erwähnt neben Bildtiteln und Signaturen Bilder, die einen Text darstellen („etwa ein geöffnetes Buch“); Bilder, bei denen Wörter und Buchstaben „nicht in der Bildfläche dargestellt, sondern auf sie eingeschrieben sind“; Bilder, die „wie ein Standphoto aus einem Film oder aus einem Theaterstück eine Episode“ der Geschichte schildern; Bilder, die Wörter enthalten, die das Bild „ansprechen“ oder stören, und eine mehrdeutige Stellung sowohl innerhalb als auch außerhalb des Bildes einnehmen; Bilder, die insgesamt um ein linguistisches ‚Schriftzeichen‘ herum komponiert“ sind; und Bilder, die „Lesbarkeit zugunsten reiner unlesbarer Visualisierung“ aufgeben. Beispiele für diese und andere Weisen, auf die Worte in Bildwerke Eingang finden, gibt es schon lange vor dem Modernismus und in vielen Kulturen der Welt.

Der Essay Schrift in bildender Kunst untersucht ausgewählte Beispiele solcher Kunstwerke aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert. So erscheinen auf einer Granitstatue des ägyptischen Schreibers Haremhabs Schreiberhieroglyphen, und zwar sowohl in einem an den Gott Thot, den Erfinder der Schrift, gerichteten Gebet in der Sockelbeschriftung als auch dekorationsartig auf die Schulter und Brust der Figur Haremhabs selbst eingraviert. Und in Osman Hamdi Beys Ölgemälde eines Koran-lesenden Studenten kann man zwar den Text in seinem offenen Buch nicht entziffern, aber an der Wand hinter ihm eine Koraninschrift in von rechts nach links zu lesender kufischer Kalligraphie deutlich erkennen. Es ist ein Vers der Sura Hud, der aus dem Arabischen übersetzt lautet, »Das Gelingen wird mir nur durch Allah beschieden« (XI,88). Dagegen signierte Hamdi Bey das Bild in von links nach rechts klar lesbarer römischer Schrift.

In unserer von Bildern überfluteten Welt wird oft gefragt, warum der Islam so abbildscheu sei. Doch war es ja das Christentum, das sich trotz des Abbildverbots in den zehn Geboten zu einer besonders bildfreundlichen Religion entwickelte und Bilder schon früh als Übersetzungen in eine „zweite Sprache“ verstand, denn Heiligenporträts mit Büchern und Kunstwerke mit biblischen Themen und Inschriften konnten Analphabeten zum Glauben führen sowie Leser in ihrem Glauben festigen. Apostel, Evangelisten und Kirchenväter wurden gern mit Büchern dargestellt. Bildende Künstler stellten sich insbesondere Maria bei der Verkündigung oft als Leserin vor, eine Leseszene, die zwar nicht im Lukasevangelium steht, aber die Madonna zu einem Vorbild für mittelalterliche Frauenbildung machte. Dabei tauchte die Frage auf, was Maria wohl las, als der Erzengel Gabriel zu ihr kam. Viele Künstler wählten eine absichtlich unentzifferbare Textdarstellung, manche aber zeigten eine alttestamentarische Prophezeiung Jesajas: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“. Das erklärt Marias Überraschung darüber, dass sie es ist, die diese ihr als gebildete Frau bereits bekannte Prophezeiung erfüllen soll. Andere Maler, wie zum Beispiel der in Italien arbeitende portugiesische Künstler Alvaro Pirez d’Évora in seiner zweiteiligen Verkündigung, wählten den in Marias Bibel deutlich lesbaren Lukastext, der dann solche Werke als Beispiele umgekehrter Ekphrasis, als Verbildlichungen eines ganz bestimmten und dargestellten Texts ausmacht: „Siehe ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“. Die Lukaspassage mit der Antwort, die Maria dem Engel gibt, kann allerdings auch wie ein Text wirken, den man einem Schauspieler gibt, damit er seine Zeilen nicht vergisst, und man hat beim Betrachten solcher Bilder doch ein merkwürdiges Gefühl. Wie kann Maria schon den Bericht im Lukasevangelium lesen, wenn sie gerade erst im Begriff ist, zu erleben, was Lukas dann erst später (natürlich ohne Hinweis auf Maria als Leserin) beschreiben wird? Es entsteht eine Art doppelter Gegenwart, eine Zeitverschmelzung.

Ein nicht dargestellter Text in einem Bild, das eine Leserin zeigt, lädt Betrachter zum Rätseln ein. Ein gutes Beispiel ist Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, das den Brief fest in seinen Händen haltend liest. Weil der Text den Betrachtern vorenthalten wird, suchen diese in der Umgebung des Mädchens nach Hinweisen auf den möglichen Inhalt des Briefs. Die Bildkomposition konnte so als eine verweltlichte Weiterentwicklung der Verkündigungsszene interpretiert werden, in der das Mädchen nicht die Bibel, sondern einen Brief liest, statt des Engels eine Spiegelung seines eigenen Gesichts im Fensterglas erscheint, und die leere, weiße Wand im Hintergrund an die Gottverlassenheit der modernen Welt erinnert. Eine derzeit vorangehende Restaurierung des Bildes macht deutlich, dass die weiße Wand Resultat einer erst nach Vermeers Tod angefertigten Übermalung ist und ein von Vermeer auch in anderen Gemälden abgebildetes Cupido-Porträt verdeckt. Dieser nackte Amor mit Pfeil und Bogen wird nun in Dresden gerade wieder von der weißen Übermalung befreit und scheint somit die Vermutung zu bestätigen, dass das Mädchen einen Liebesbrief liest.

Sakrale sowie auch weltliche Kunstwerke mit Inschriften, Signaturen oder dargestellten Leseszenen fordern Betrachter geradezu heraus, auch Bilder zu „lesen“. Manchmal kontrastiert die Gleichzeitigkeit des Bildbetrachtens, das “auf einmal“ stattfinden kann, mit dem notwendigen Nacheinander der Textlektüre. Schrift in Bildwerken kann aber auch eine Richtung der Bildbetrachtung herbeiführen, zum Beispiel von links nach rechts. Ob die jeweiligen Texte gemalt, gemeißelt, geschnitzt oder gewoben, klar lesbar oder absichtlich unentzifferbar, in lateinischen Kürzeln oder in Volkssprachen, auf den Kopf gestellt oder in Spiegelschrift erscheinen, die abgebildeten Worte geben Betrachtern Rätsel auf, selbst dann, wenn sie einen Schlüssel zum Bildverständnis anzubieten scheinen. Diesem Rätselhaften versucht dieses Buch nachzugehen.

Begleitet von 17 Abbildungen skizziert dieser erste Band der Serie Wie wir lesen die Entwicklung eines Motivs, das bereits in der Antike erscheint und in christlicher Kunst besonders weit verbreitet ist. So befassen sich Mosaike, Fresken, Buchilluminationen, Miniaturen und Altarbilder, Gemälde, Gobelins und aus vielen Materialien gefertigte Kunstformen mit diesem Thema. Die digitale Fassung bietet dem Leser weiterhin mehr als 80 Links zu digitalen Abbildungen vieler der hier besprochenen Kunstwerke.


Siehe auch den Beitrag zur Reihe WIR WIR LESEN ↗ hier im BLOG.


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