Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch

Annette Henninger / Ursula Birsl (Hg.) ↗

Antifeminismen
›Krisen‹-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential?



Der organisierte Antifeminismus ist ein strategisch-politisches Projekt – dem man durchaus erfolgreich entgegentreten kann!



Ein Blick auf die ›Manifeste‹ und öffentlichen Verlautbarungen der rechtsterroristischen Attentäter lassen auf eine gemeinsame ideologische Klammer schließen: Vor allem lässt sich eine ideologische Symbiose aus Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass ausmachen. Ihr Gefahrenpotenzial entfaltet eine extrem-rechte (digitale) und internationalisierte Subkultur in Verbindung mit einem verschwörungsideologischen Weltbild, das sich zunehmend gegen Zweifel und Widersprüche immunisiert. Deutlich wird die Gefährlichkeit vor allem bei der Verbreitung eines rassistischen, antisemitischen und verschwörungsideologischen Narrativs explizit rechtsextremen Ursprungs: der Behauptung eines großen ›Austauschs‹ bzw. einer ›Umvolkung‹. Dieses Narrativ zeichnet zudem die Situation einer Notwehr: gegen die ›Migrationswaffe‹ und die, die sie führen, ›die Juden‹ aber auch gegen die ›Agenten‹, die dabei helfen, womit Vertreter*innen der demokratischen Zivilgesellschaft oder Politiker*innen in den Fokus geraten. Das Narrativ legitimiert damit das gewaltsame Vorgehen gegen viele potenzielle Feindeskategorien und Angriffsziele. Während des Attentats in Halle sprach der Attentäter in die Helmkamera; seine Selbstgespräche waren gespickt mit Holocaustleugnung und antifeministischen und verschwörungsideologischen Konstrukten. So begann er sein Statement mit der Leugnung der Shoah und führte aus, der Feminismus sei schuld an der niedrigen Geburtenrate im Westen und an ›Massenmigration‹, wovon wiederum Juden profitierten.

Dieses gefährliche Narrativ hatten schon die Täter von Oslo/Utöya und Christchurch als Motivation für ihr Morden angeführt. Antisemitische Verschwörungsideologien verschränken sich hier mit Antifeminismus und Rassismus. Eine tief sitzende Abscheu gegenüber (bestimmten) Frauen wirkt wie ein verbindendes Gewebe zwischen White Supremacists, Alt-Right-Bewegten, Rechtsextremen und/oder ihren weniger bekannten Subkulturen wie Incels, Männerrechtlern, Aktiven der Manosphere oder Pick-Up-Artists, so die Anti-Defamation-League (ADL) über die Intersektion von Frauenhass, Rassismus und anderen Ungleichwertigkeitsideologien (ADL’s Center on Extremism 2018). Der rechtsextreme Terror gewinnt derzeit vor allem durch die globalen Bezüge aufeinander besonderen Schrecken und Schlagkraft. Auch das dürfte kein Zufall sein. So ist doch ein wesentliches Ziel und Ideologiefragment der sogenannte Akzelerationismus, wonach der Kollaps der Demokratie durch Chaos und Gewalt beschleunigt werden soll. Heraufbeschworen werden soll ein ›Endkampf der Kulturen‹, der die Gesellschaft ins Chaos stürzt. Auch in Deutschland bereiten sich extrem-rechte Prepper-Gruppen auf den ›Tag X‹ vor, trainieren, horten Waffen und Vorräte. Strategisches Ziel ist ein Bürgerkrieg gegen Regierung, Migrant*innen, Feministinnen, Jüd*innen und andere Feindbilder, um die weiße männliche Überlegenheit zu sichern. Ziele, Konzepte und Ideologiefragmente werden in diversen Internetforen verbreitet, wie beispielsweise auf dem mittlerweile verbotenen Neonaziforum Iron March. Aus diesem Forum gingen Gruppen wie die transnationale rechtsterroristische Atomwaffen Division hervor, die in memes zu Völkermord an Jüd*innen aufrufen, rechtsterroristische Anschläge feiern und deren Misogynie eine Mixtur aus gewaltvollem Frauenhass und Ratsuche für den ›richtigen‹ Umgang mit Frauen und im Falle von Beziehungsunfähigkeit ist (Ross/Bevensee 2019). […]

Bei medialen Analysen und Expert*innen-Meinungen zu dem Attentat von Halle und anderen (rechtsterroristischen) Attentaten fällt die fehlende Geschlechterperspektive auf. Dabei ist es mehr als augenfällig, dass die Attentäter männlich sind. In den USA gab es seit 1982 insgesamt 114 Massenschießereien bzw. Amoktaten – unterschiedlich politisch oder religiös motiviert. Nur in insgesamt vier von diesen Fällen ist eine Frau die Attentäterin. Alle anderen sind von Männern ausgegangen (Follman/Aronsen/Pan 2019). Wie eng Männlichkeit und Gewalt miteinander verwoben sind, hat u.a. Klaus Theweleit in seinem Buch Männerphantasien (2019) eindrücklich beschrieben.  Für den Bereich gewaltförmigen Rechtsextremismus kann festgehalten werden, dass Geschlechterungleichheit und männliche Überlegenheit ein wesentliches Strukturmerkmal im rechtsextremen Denken sind (Claus/Lehnert/Müller 2010). ›Andere‹ Männlichkeiten, wie jüdische, muslimische oder schwule Männlichkeit, werden als Bedrohung verstanden, da sie als Angriff auf die eigenen Privilegien gedeutet werden, wie beispielsweise den uneingeschränkten Zugang zu Macht, gesellschaftlichen Ressourcen und auch zu Frauen. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse,  Minderheitenschutz und der Abbau patriarchaler Selbstverständlichkeiten werden vor allem im rechtsextremen Weltbild als Bedeutungsverlust und Kränkung des weißen Mannes verstanden.

Frauen sind in diesem Weltbild dem Mann hierarchisch untergeordnet. Bestimmte Frauen werden als Bedrohung ausgemacht oder für das eigene Scheitern verantwortlich gezeichnet: vor allem Frauen, die eine weiße männliche Dominanz und Herrschaft in Frage stellen. Die Beschwörung dominanter, reaktionärer Männlichkeit und eine aggressive, potenziell gewaltsame Verteidigung schwindender patriarchaler Privilegien gehören zum geschlechtsspezifischen politischen Moment des Rechtsextremismus. Das letzte Mittel, um die subjektive Kränkung und Ohnmachtserfahrung zu überwinden und wieder ›Herr der Situation‹ zu werden, ist Gewalt. Rechtsextreme Ideologieangebote sind offenbar attraktiv für Männer, die sich in ihrer Männlichkeit gekränkt sehen. Das Narrativ ›Umvolkung‹ und die daraus legitimierte Notwehr bietet darüber hinaus ein Angebot an (junge) Männer, sich selbstheroisierend in den imaginierten Kriegszustand zu begeben zum Schutz ›unserer Frauen, unserer Kinder, unseres Volkes‹ gegen ›fremde‹ Männer und Feministinnen.

Einige rechtsterroristische Attentate, wie im Fall von Talahasse (2018) oder Christchurch (2019), weisen eine explizite Verbindung zu frauenfeindlichen Subkulturen auf, wie zur Manosphere oder der Incel-Szene. Der hallesche Attentäter hat eine – wenngleich vermutlich eher lose – Verbindung zu Incel. Er hörte während seiner Autofahrt zum Tatort einen Hardcore-Rapsong über den Attentäter von Toronto (2018).  Dieser Song ist eine Würdigung des Attentäters, der Text ist extrem frauenverachtend und gewaltverherrlichend und der Song wird als ›deepest incelish song you ever heard‹ im Netz gefeiert. Dies macht die Verknüpfung der unterschiedlichen rechtextremen, reaktionären, frauenverachtenden Szenen deutlich und belegt erneut die ideologische Nähe von Frauenhass, Antisemitismus und Rassismus.

In den Chan-Foren treffen sich einsame und frustrierte junge Männer, die sich auf der Basis ihres ›Verlierertums‹ verbünden (Beran 2019). Chan-Usern geht es oft darum, ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl aufrechtzuerhalten und sich gegenseitig dazu zu ermutigen, sich zu isolieren und ihr Leben nur noch in digitalen Fantasiewelten zu verbringen. Viele männliche Nutzer könnten ihre Männlichkeitsvorstellungen nicht erfüllen, etwa weil sie sexuell und wirtschaftlich nicht erfolgreich seien (ebd.). Anstatt aber eigene Vorstellungen zu hinterfragen, wiesen viele die Schuld Juden, Muslimen und Frauen zu (Hommerich/Schmees 2019). Diese Darstellung deckt sich mit dem, was über den Attentäter von Halle in Erfahrung zu bringen ist: Er brach sein Studium ab, war zum Tatzeitpunkt ohne Arbeit und lebte von dem Geld seiner Mutter. Er bezeichnete sich gemäß der Sprach- und Szenecodes auf Meguca als »Neet«, ein Akronym für ›Not in Education, Employment or Training‹ (nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung). Auch er machte scheinbar ›andere‹ für seine Lebensumstände verantwortlich. Gegenüber seiner Mutter äußerte er Sätze wie: »Der weiße Mann zählt nichts mehr« (Baumgärtner/Becker/Bohr 2019, o.S.). Autobiografische, soziokulturelle oder soziale Hintergründe der Attentäter sind bei Analysen rechtsterroristischer Attentate zu berücksichtigen, wenngleich sie nicht zur Entpolitisierung der Tatbewertung führen dürfen.