Cornelia Springer

Geistes- und Sozialwissenschaftlerin, ist wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts
»Engagementförderung durch universitäre Lehre« an der Universität Hamburg.

Zudem ist sie Sprecherin von #UHHengagiert – Netzwerk für forschendes Lernen und soziale Verantwortung

Cover Die Corona-Gesellschaft

Dieser Text ist die Kurzfassung eines Beitrags aus der Buchpublikation »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«, herausgegeben von Michael Volkmer und Karin Werner, die im August im transcript Verlag erscheint.


Dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie einen massiven gesellschaftlichen Einschnitt bedeuten würden, zeichnete sich bereits zu Beginn der Krise ab. Mit Prognosen zu einer postpandemischen Gesellschaft gilt es allerdings nach wie vor vorsichtig zu sein, wie z.B. Jürgen Habermas in einem Interview betonte. Die Entwicklungen der vergangenen Wochen waren von einer starken Dynamik, zahlreichen Widersprüchen und Spannungen geprägt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, von abgesagten Großveranstaltungen über die Schließung von Schulen und Kitas, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen bis hin zu Grenzschließungen, trafen die gesamte Bevölkerung und forderten von jeder*m Einzelnen Verzicht. Die Bundeskanzlerin appellierte Anfang März an »unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander« – unter der Prämisse eines gemeinsamen Wir, zu dessen Erhalt und Verteidigung alle beitragen sollten.

Der Appell war in dieser extremen, durch Unsicherheiten geprägten Situation wichtig. Und dennoch muss, wie Carolin Emcke unterstrich, die Tragfähigkeit jedes Wir-Gefühls hinterfragt werden. Es darf nicht vergessen werden, dass Auflagen wie »Social Distancing« und #stayathome für die einen (nur) eine Herausforderung, für die anderen eine existenzielle Bedrohung darstellen können. Damit ist ein soziales Spannungsfeld angedeutet, das diese Krise kennzeichnet. Das Virus unterscheidet nicht zwischen Hautfarben oder sozialen Herkünften. Doch die systemimmanenten Ungleichwertigkeiten und die Verteilung von Privilegien werden durch die Hygiene- und Schutzmaßnahmen zusätzlich verstärkt. Wohnungs- und obdachlose Menschen etwa, die in der Mehrheit zur sogenannten Risikogruppe zählen, sind auf der Straße nicht nur einem Infektionsrisiko schutzlos ausgeliefert, sondern wurden durch den plötzlichen Wegfall ihrer Versorgungsstrukturen zusätzlich existenziell bedroht.

Nach einer auffallend kurzen Schockstarre angesichts der unmittelbaren Effekte der Einschränkungen trat »die« Zivilgesellschaft in Aktion und reagierte – man fühlte sich an 2015/16 erinnert – spontan und flexibel auf die veränderten Bedarfe. Binnen kürzester Zeit wurden diverse Formen kontaktloser Nachbarschaftshilfe, ehrenamtlicher Online-Nachhilfe und digitaler Quarantainment-Angebote entwickelt. Durch Maskennähen für Pflegeeinrichtungen, die Einrichtung neuer Gabenzäune, Spendenaktionen und Soli-Kampagnen übernahmen die Menschen Verantwortung für Dritte, mit dem Ziel der gemeinsamen Krisenbewältigung. Auch die Koordination freiwilligen Engagements musste den Bedingungen der Pandemie angepasst, die Infrastruktur für digitale Vernetzung und Kollaboration geschaffen werden.

Diese deutlichen Zeichen gesellschaftlicher Solidarität unterstreichen die menschliche Neigung, in Krisenzeiten prosoziales und kooperatives Verhalten zu üben. Ebenso markant aber traten Egoismen und antisoziales Verhalten in Erscheinung, wie u.a. der Katastrophenforscher Henning Görsch überrascht feststellte. So gehören auch absurde Hamsterkäufe zu unserer kollektiven Erinnerung an das Frühjahr 2020, die Zunahme von Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Personen, Corona-Partys, absichtliches Anhusten auf offener Straße – bis hin zur Denunziation von Nachbar*innen, deren Kinder verbotenerweise Besuch von Schulfreund*innen bekommen haben. Diese Dichotomie von Solidarität und Egoismus markiert ein zweites zivilgesellschaftlich relevantes Spannungsfeld während der Pandemie.

Auch Bewegungen wie Fridays for Future oder die Seebrücke mit der Kampagne #LeaveNoOneBehind waren gezwungen, sich in virtuelle Räume zurückzuziehen – und schmerzhafte Einbußen an Reichweite und Aufmerksamkeit hinzunehmen, die sie sich mit Demonstrationen im öffentlichen Raum in den vergangenen Monaten und Jahren erkämpft hatten. Die folgenden Auseinandersetzungen mit Ordnungskräften und Polizei, die Debatte und der Kampf um die Wahrung von Grundrechten waren ein wichtiger Ausdruck einer aktiven, selbstbewussten und solidarischen Zivilgesellschaft.

Den Eingriff der Regierung in die persönlichen Freiheiten der Bürger*innen nehmen vermehrt auch Vertreter demokratiefeindlicher Ideologien zum Anlass, sich als Widerstands- und Freiheitskämpfer zu inszenieren. Die selbsternannten Volksvertreter adaptierten u.a. Rhetorik und Methoden einer politischen Linken und verwischen aktiv ideologische Grenzen. Anhand geschickter Verunsicherungsstrategien gelingt ihnen die Mobilisierung einer neuen »Querfront« demonstrationsfreudiger, besorgter Bürger*innen, deren Aktionen eine überproportional große mediale Aufmerksamkeit gewinnen.

An diesem dritten Spannungsfeld zeigt sich umso deutlicher, dass die politische und gesellschaftliche Verantwortung der*s Einzelnen über die Verteidigung der eigenen Interessen und Freiheiten hinausreicht. Das Mindestmaß an einer reflektierten Selbstverortung sollte darin bestehen zu hinterfragen, ob z.B. die eigene kritische Haltung gegenüber einer gesetzlich vorgeschriebenen Impfpflicht tatsächlich rechtfertigt, mit Verfassungsgegner*innen und Anhänger*innen kruder Verschwörungsmythen eine Front zu bilden.